Während der Berliner Mietmarkt rasant steigt, bieten Genossenschaften weiterhin günstigen Wohnraum. Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes stiegen die Angebotsmieten in der Hauptstadt in den vergangenen zehn Jahren um rund 75 Prozent auf durchschnittlich 15,80 Euro pro Quadratmeter nettokalt. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) beziffert die durchschnittlichen Angebotsmieten für 2025 sogar auf 18,76 Euro pro Quadratmeter.
Genossenschaften als Stabilitätsanker
In Berlin gibt es rund 200 Genossenschaften, die knapp elf Prozent des Mietwohnungsbestands verwalten – mehr als 190.000 Wohnungen. Die durchschnittlichen Bestandsmieten lagen 2025 bei 6,29 Euro pro Quadratmeter, rund 18,4 Prozent unter dem Niveau des Berliner Mietspiegels. Bei Neuvermietungen ist die Differenz zu den Angebotsmieten noch deutlich größer. „Sie stärken den Zusammenhalt und die Kommunikation der Menschen mit ihrem Wohnumfeld“, sagt Henrike Hanke, Vorständin der Wohnungsbau-Genossenschaft „Treptow Nord“.
Besonders in den Ostbezirken sind Genossenschaften stark vertreten: In Marzahn-Hellersdorf gehört mehr als jede vierte Mietwohnung einer Genossenschaft, während ihr Anteil in westlichen Bezirken meist unter zehn Prozent liegt. „Das hat auch historische Gründe“, erklärt BBU-Vorständin Maren Kern. Genossenschaften waren in der DDR ein wichtiges Instrument der Wohnungspolitik, viele Berliner Genossenschaften bestehen jedoch bereits seit über 100 Jahren.
Neubau bricht drastisch ein
Trotz stabiler Mieten geraten die Genossenschaften zunehmend unter Druck. Die Zahl der neu gebauten Genossenschaftswohnungen fiel 2025 auf 178 – der niedrigste Stand seit 15 Jahren. Das sind 60 Prozent weniger als im Vorjahr. „Seit dem bisherigen Höchststand von 840 Fertigstellungen im Jahr 2018 ist die Zahl sogar um fast 80 Prozent eingebrochen“, so der BBU. Für 2026 rechnet der Verband mit lediglich rund 160 Fertigstellungen – einem weiteren Rückgang um mehr als zehn Prozent.
Der Leerstand bei Genossenschaften lag Ende 2025 bei rund 0,9 Prozent und damit deutlich unter dem Niveau anderer Wohnungsanbieter. „Viele Wohnungsgenossenschaften können deshalb schon heute keine neuen Mitglieder mehr aufnehmen“, sagt Vorständin Kern.
Gründe: Baukosten, Zinsen und fehlende Grundstücke
Die Gründe für die rückläufige Bautätigkeit sind vielschichtig. Neben gestiegenen Bau- und Finanzierungskosten fehlt es an Baugrundstücken. „Viele Vereine hätten in den 90er und 2000er Jahren viel Baugrund für die spätere Entwicklung kaufen können“, sagt Dirk Enzesberger, kaufmännischer Vorstand der Charlottenburger Baugenossenschaft. „Doch diese Reserven sind inzwischen ausgeschöpft.“
In einem Positionspapier fordern die Genossenschaften daher die Möglichkeit, Landesflächen etwa über Mietkaufmodelle zu erwerben. Die Stadt könnte mit einem Wiederkaufsrecht sicherstellen, dass die Flächen nicht weiterverkauft werden. Zudem brauche es mehr Fördermittel, um Bestandswohnungen aufzukaufen.
Neue Genossenschaftsprojekte trotz Krise
Trotz der schwierigen Lage entstehen neue Genossenschaften. Die Genossenschaft selbstverwalteter Projekte (GSP) baut seit 2021 knapp 200 Wohnungen in Holzmodulbauweise in Berlin-Lichtenberg auf einer ehemaligen Bundesfläche. Gut die Hälfte sind Sozialwohnungen, der Rest wird frei vermietet – zu etwa 14 Euro pro Quadratmeter. „Müssten die Kredite zu heutigen Zinsbedingungen aufgenommen werden, läge der Quadratmeterpreis eher bei 20 Euro“, erklärt Vorstand Andreas Bräuer.
Die Politik zeigt sich verständnisvoll. „Wir haben in Berlin die Chance, durch unsere Genossenschaften Berlin noch besser zu machen“, betonte Regierender Bürgermeister Kai Wegner bei einer Genossenschaftstour und versprach, sich insbesondere die Genehmigungsverfahren anzuschauen.



