Deutsche Industrie in der Klemme: Über 120.000 Jobs gestrichen
Die deutsche Wirtschaft kämpft sich nur mühsam aus der Talsohle. Während die Bundesregierung auf ein Wachstumsjahr 2026 hofft, zeichnen aktuelle Daten ein düsteres Bild. Die Industrie hat im vergangenen Jahr im großen Stil Stellen gestrichen - und weitere Einschnitte drohen.
Massiver Stellenabbau in der Industrie
Neue Zahlen der Beratungsgesellschaft EY offenbaren das Ausmaß der Krise: In der deutschen Industrie gingen 2025 rund 124.000 Arbeitsplätze verloren. Ende des vergangenen Jahres arbeiteten dort nur noch etwa 5,38 Millionen Menschen - ein Rückgang von 2,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Jobabbau fiel damit fast doppelt so hoch aus wie im Jahr 2024.
Besonders hart traf es die Automobilbranche, die mit rund 50.000 gestrichenen Stellen den größten Einbruch verzeichnete. Die Chemie- und Pharmaindustrie kam vergleichsweise glimpflich davon, verlor aber dennoch etwa 2.000 Arbeitsplätze.
„Die deutsche Industrie steckt in einer tiefen Krise“, konstatiert Jan Brorhilker, Managing Partner bei EY. Seit 2023 seien die Industrieumsätze um fast fünf Prozent geschrumpft. Der aktuelle Stellenabbau sei daher noch moderat zu nennen.
DIHK-Umfrage zeigt trübe Stimmung
Eine aktuelle Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) unter 26.000 Unternehmen bestätigt die angespannte Lage. DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov beschreibt die Situation deutlich: „Es geht nur in Trippelschritten nach oben.“ Die Breite der Wirtschaft bleibe unter Druck.
Die Auftragslage in der Industrie bleibt schwierig, und die Beschäftigungspläne sind im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen am schlechtesten. Neben hohen Kosten in Deutschland belastet ein schwieriges internationales Umfeld die exportorientierte Industrie.
Melnikov nennt zwei Hauptprobleme:
- Die US-Zollpolitik sorgt für große Unsicherheit
- Chinesische Anbieter haben sich zu ernstzunehmenden Konkurrenten in Kernbranchen entwickelt
Weitere Jobverluste drohen 2026
Obwohl führende Ökonomen für 2026 ein leichtes Wirtschaftswachstum erwarten, dürfte die Industrie weiter Stellen abbauen. Der hohe Wettbewerbsdruck und eine steigende Zahl von Insolvenzen - besonders bei Autozulieferern - belasten die Unternehmen zusätzlich.
Brorhilker warnt: „Es bräuchte schon einen echten und deutlichen Aufschwung, um ein weiteres Abschmelzen der Beschäftigung zu verhindern.“ Ein weiteres Problem sei die Verlagerung von Produktion sowie Forschung und Entwicklung ins Ausland durch Autokonzerne - was direkt zu Lasten deutscher Arbeitsplätze gehe.
Wachstumsprognosen bleiben verhalten
Die DIHK hat ihre Prognose für 2026 leicht angehoben und rechnet nun wie die Bundesregierung mit einem Wachstum von einem Prozent. Allerdings beruht dieser Wert zu einem großen Teil auf Statistik- und Kalendereffekten - etwa weil in diesem Jahr mehr Arbeitstage anfallen, da Feiertage auf Wochenenden fallen.
International betrachtet hinkt Deutschland beim Wachstum hinterher. DIHK-Chefin Melnikov fordert schnelle Entlastungen bei Arbeits- und Energiekosten sowie der Bürokratie: „Mit angezogener Handbremse kommen wir aus dem Tal nicht heraus.“
Experten warnen vor strukturellen Problemen
Während Kanzler Friedrich Merz (CDU) von einem „Aufschwung- und Wachstumsjahr“ spricht, äußern Ökonomen fundamentale Bedenken. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), stellt klar: „Der Wachstumsmotor in Deutschland wird schon allein wegen der Demografie nie mehr anspringen.“
Das Ifo-Institut erwartet, dass die deutsche Bevölkerung bis 2070 um zehn Prozent schrumpfen wird - deutlich mehr als bisher angenommen. Fratzscher betont: „Uns fehlen schlicht die Arbeitskräfte, um die Wachstumsraten der Vergangenheit zu erreichen.“
Haushaltslücke und Steuerdebatte
In der Haushaltsplanung des Bundes klafft in den kommenden Jahren eine Milliardenlücke. Fratzscher sieht nur wenige Auswege: „Wir kommen an Steuererhöhungen und dem Abbau von Subventionen nicht vorbei.“
In der schwarz-roten Koalition gehen die Meinungen auseinander. Während die Union Steuererhöhungen ablehnt, will die SPD nicht beim Sozialstaat sparen. Subventionsabbau wollen beide Seiten nicht. Fratzscher befürchtet eine politisch bequeme Lösung: eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte, was zusätzliche 30 Milliarden Euro bringen würde.
Steffen Bilger (CDU), erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, lehnt diesen Weg entschieden ab: „Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer wäre genau der falsche Weg.“ Auch SPD-Finanzpolitikerin Frauke Heiligenstadt warnt vor sozialen Verwerfungen.
Trotz leicht aufgehellter Stimmung in den Unternehmen - 22 Prozent rechnen mit steigenden Exporten - bleibt die wirtschaftliche Erholung fragil. Die deutsche Industrie steht vor strukturellen Herausforderungen, die über konjunkturelle Schwankungen hinausgehen.



