Norddeutsche Industrie reduziert Abhängigkeit von den USA: Jeder vierte Betrieb sucht Alternativen
Infolge der protektionistischen US-Handelspolitik versuchen Industriebetriebe in Norddeutschland zunehmend, ihre Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu verringern. Dies geht aus einer aktuellen Blitzumfrage der Industriearbeitgeberverbände Nordmetall und AGV Nord hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Trend zur Diversifizierung von Lieferketten und Exportzielen.
Digitale Infrastruktur im Fokus
Mehr als jeder vierte Betrieb gibt an, in der digitalen Infrastruktur die Abhängigkeit von US-Firmen reduzieren zu wollen. Die Unternehmen sind aktiv auf der Suche nach alternativen Anbietern für Software- und KI-Anwendungen, um sich von amerikanischen Technologiekonzernen unabhängiger zu machen. Diese strategische Neuausrichtung spiegelt das schwindende Vertrauen in die traditionellen Handelsbeziehungen wider.
Erodierendes Vertrauen in die USA
Nico Fickinger, Hauptgeschäftsführer von Nordmetall, kommentiert die Entwicklung mit deutlichen Worten: „Jeder Handelskonflikt mit den USA trifft auch die norddeutsche Wirtschaft empfindlich, und das Vertrauen in die seit mehr als hundert Jahren gewachsenen Beziehungen erodiert stetig.“ Nach seinen Beobachtungen kehren viele Unternehmen den USA zunehmend den Rücken zu und orientieren sich stattdessen auf andere internationale Märkte.
Fickinger betont die Bedeutung alternativer Handelsabkommen: „Darum ist nicht nur das EU-Handelsabkommen mit Indien so wichtig; deshalb darf auch das Abkommen mit dem Mercosur nicht länger politisch torpediert werden.“ Das Mercosur-Abkommen, das zu Jahresbeginn nach über 25-jährigen Verhandlungen unterzeichnet wurde, soll eine neue Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern schaffen. Allerdings ist es noch nicht in Kraft getreten und wird derzeit vom Europäischen Parlament überprüft.
Strategische Neuausrichtung der Betriebe
Die Umfrageergebnisse zeigen weitere Maßnahmen der norddeutschen Industrie:
- Annähernd jeder vierte Betrieb ordnet seine Exportanstrengungen neu, um andere Ziele als die USA zu erschließen.
- Beinahe jeder fünfte Betrieb arbeitet an der Neuordnung seiner Lieferketten, um nicht länger auf Zwischenprodukte aus den USA angewiesen zu sein.
Gegenläufige Entwicklungen
Nicht alle Unternehmen wenden sich komplett von den USA ab. Einige Betriebe intensivieren gegen den allgemeinen Trend sogar die Zusammenarbeit:
- Sechs Prozent der befragten Betriebe planen, einen eigenen Produktionsstandort in den USA aufzubauen.
- Ein solcher Schritt kann strategisch genutzt werden, um Einfuhrzölle zu umgehen und den Marktzugang zu sichern.
Methodik der Umfrage
An der Blitzumfrage haben sich 147 Mitgliedsbetriebe der Verbände Nordmetall und AGV Nord beteiligt. Die Befragung lief vom 26. Januar bis zum 4. Februar und richtete sich speziell an Geschäftsführungen und Personalleitungen. Die Verbände vertreten insgesamt rund 700 Mitgliedsunternehmen mit mehr als 180.000 Beschäftigten in den norddeutschen Bundesländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und dem nordwestlichen Niedersachsen.
Diese umfassende Untersuchung unterstreicht die wachsende Unsicherheit der norddeutschen Industrie angesichts der sich verändernden globalen Handelsdynamik und zeigt gleichzeitig den aktiven Willen zur Anpassung an neue wirtschaftliche Realitäten.



