Rosenberger-Manager: China als Innovations-Bootcamp für deutsche Industrie
Rosenberger: China als Innovations-Bootcamp für Industrie

Der Chinachef des deutschen Familienunternehmens Rosenberger, Olaf Scale, ruft deutsche Industriekonzerne dazu auf, das kreative Potenzial der Volksrepublik stärker zu nutzen. „Es ist vielleicht noch nicht in allen Konzernetagen hinreichend angekommen, dass das hier ein Hightech-Land ist“, sagte Scale dem Handelsblatt am Rande der Messe „electronica China“ in Shanghai. „Es ist kein Billigland mehr.“ Wer dies ignoriere, laufe Gefahr, weiter aus dem Markt gedrängt zu werden.

China als Innovationszentrum nutzen

Rosenberger, ein Spezialist für Hochfrequenztechnik und Steckverbindungen, beschäftigt weltweit rund 15.000 Mitarbeiter, davon etwa 3.000 in China. Scale betont, dass Entwicklung, Einkauf und Produktion möglichst nah am Markt stattfinden müssten. „Um in China konkurrenzfähig zu sein – mit Blick auf Kosten, Tempo und auch Anpassung –, sollte man Entwicklung, Sourcing und Produktion hier haben.“

Ein entscheidender Vorteil lokaler Präsenz sei die Geschwindigkeit. Bei Kundenanfragen oder Qualitätsproblemen seien in China „Reaktionszeiten von Stunden“ nötig, während in Europa eher Tage vergehen. Fast ebenso wichtig sei der Vorteil durch lokale Innovation. Früher seien Produktentscheidungen in den Konzernzentralen gefallen, heute entstehe ein wachsender Teil der Innovationen direkt in China.

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„Bootcamp für Innovationen“

Scale empfiehlt anderen Industrieunternehmen, Entwicklungs- und Entscheidungsverantwortung teilweise nach China zu verlagern. „Ich habe noch wenig gelesen, dass Unternehmen China als Bootcamp für Innovation nutzen“, sagt er. Dies sei ein grundsätzlicher Denkfehler. China werde weiterhin als kostengünstiger Fertigungsstandort betrachtet, obwohl das Land längst über ein sehr leistungsfähiges „Innovationsökosystem“ verfüge. „Man bekommt hier ausreichend Ingenieure und Unterstützung von Universitäten.“ Westliche Unternehmen nutzten dies zu wenig, denn sich auf Innovationen der Vergangenheit auszuruhen, funktioniere nicht.

Gleichzeitig mahnt der Manager zu Vorsicht. Klassischer Patentschutz reiche längst nicht aus. „Man muss sein geistiges Eigentum schon unter Kontrolle behalten – und gleichzeitig die Welle reiten. Immer einen Schritt weiter gehen.“

Sicherheitsbedenken und politische Diskussion

Viele deutsche Industrieunternehmen zögern, Innovationsabteilungen nach China zu verlagern, aus Sorge vor ungewollten Technologietransfers oder sicherheitspolitischen Angriffen durch die autokratisch regierte Volksrepublik. Die Politik in Deutschland und der EU diskutiert zudem, wie preisgünstige chinesische Importe und Abhängigkeiten von Industrierohstoffen vermieden werden können. „Man konnte schon vor Jahren im Fünfjahresplan nachlesen, welche Sektoren China fördert. Was mich überrascht, ist diese Überraschung“, sagt Scale.

Viele chinesische Unternehmen, darunter aus der Auto- und Batterieindustrie, expandierten seit Jahren nach Europa. „Wenn chinesische Zulieferer einmal in Europa sind, werden sie den Konkurrenzdruck dauerhaft erhöhen.“

Chinesische Industriepolitik und deutsche Defizite

Scale zeigt sich beeindruckt von der „Konsequenz chinesischer Industriepolitik“, die in Deutschland oft als wettbewerbsverzerrend dargestellt wird. Provinzregierungen verfügten über klare wirtschaftliche Zielvorgaben und hätten ein unmittelbares Interesse daran, Investitionen anzuziehen und Unternehmen zu unterstützen, die zu den Zielen des Fünfjahresplans passen. Deutschland fehle aus seiner Sicht eine vergleichbar langfristige Strategie.

Für Europa sei ein Umdenken nötig, insbesondere bei pharmazeutischen Vorprodukten, in der Chemie oder bei seltenen Erden, wo die Abhängigkeiten zu groß geworden seien. „Da muss sich Deutschland schützen.“ Die europäische Debatte über Derisking hält er für richtig, betont aber: Das größte Problem Europas sei weniger die Stärke Chinas als die eigene Reaktionsgeschwindigkeit. „Wir brauchen deshalb mehr Bildung. Bildung, wie Industrie funktioniert“, so Scale.

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Wettbewerbsintensivster Markt der Welt

China sei heute „der wettbewerbsintensivste Markt der Welt“. Chinesische Unternehmen kalkulierten anders als viele europäische: „Chinesische Unternehmen wollen zunächst überleben, dann optimieren sie ihr Produkt und verdienen später Geld.“ Wer mithalten wolle, müsse flexibel sein und Kosten ständig kontrollieren und optimieren. „Zu glauben, der Druck lasse in China nach, wäre ein großer Irrtum.“