Der drohende Abzug von US-Soldaten aus Deutschland versetzt Kommunen in Alarmbereitschaft. In Wiesbaden steht die Wohnung von Birgit Bug seit fünf Monaten leer – ein Symbol für die Unsicherheit, die Trumps Drohungen auslösen. Die 61-jährige Flugbegleiterin vermietete jahrelang an amerikanische Mieter, doch seit Oktober kehrten keine neuen ein. „Solange Trump im Amt ist, ist alles möglich“, sagt sie.
37.000 US-Soldaten in Deutschland stationiert
Rund 37.000 US-Soldaten sind dauerhaft in Deutschland stationiert – das zweitgrößte Überseeengagement der US-Armee nach Japan. Zum Netzwerk gehören der Luftwaffenstützpunkt Ramstein, die größte Militärklinik außerhalb der USA, ein Standort in Bayern sowie das europäische und afrikanische Hauptquartier der Armee in Wiesbaden. Trumps angespanntes Verhältnis zu Europa zeigte sich zuletzt beim G7-Gipfel in Frankreich, wo Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit einem personalisierten DFB-Trikot zu beschwichtigen versuchte. Das Präsent war eine Reaktion auf Merz' Kritik im April, die Trump mit Drohungen auf sozialen Medien beantwortete. „Eine Form kleinlicher Vergeltung“, urteilt Ben Hodges, ehemaliger Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa.
Vilseck besonders betroffen: 5.000 Soldaten vor Ort
Besonders exponiert ist Vilseck, ein Städtchen mit rund 6.500 Einwohnern in der nördlichen Oberpfalz. Dort ist ein Regiment mit knapp 5.000 US-Soldaten stationiert. Die Region beherbergt insgesamt etwa 30.000 Amerikaner – ein Drittel davon könnte bei einem Abzug wegfallen, schätzt Bürgermeister Thorsten Grädler. „Ein dramatischer Schlag für das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben“, sagt er. Das US-Militär ist seit über 80 Jahren in der Region präsent und ihr größter Arbeitgeber; der wirtschaftliche Beitrag beläuft sich auf 650 bis 700 Millionen Euro jährlich.
Studie: Abzug kostet Arbeitsplätze und Steuereinnahmen
Eine Studie des ZEW Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und der Universität Köln beziffert den langfristigen Effekt: Auf je zwei abgezogene Soldaten entfällt rechnerisch ein sozialversicherungspflichtiger Vollzeitarbeitsplatz. Die Auswertung der Truppenreduzierungen der frühen 1990er-Jahre – damals verließen binnen fünf Jahren rund 200.000 US-Soldaten Deutschland – ergab einen Rückgang der Gemeindeeinnahmen um neun Prozent, dessen Folgen noch heute messbar sind. „Die Effekte von Truppenabzügen ähneln stark denen von Werksschließungen in einer Region“, sagt Studienautor Johannes Kochems – mit besonders ausgeprägten Folgen für ländliche, strukturabhängige Standorte.
Vilseck plant Gewerbegebiet, Wiesbaden sieht Chancen
Vilseck wartet nicht auf den Ernstfall: Im Herbst eröffnet ein neues Gewerbegebiet. Ob das reicht, bezweifelt der Bürgermeister selbst – in einem Land, das auf sein viertes Wachstumsjahr in Folge ohne nennenswerten Zuwachs zusteuert. In der Region Wiesbaden hingegen sehen manche den möglichen Abzug auch als Chance. Als die US-Armee 2013 ihr Hauptquartier von Heidelberg nach Wiesbaden verlegte, entstanden auf den freigezogenen Flächen dringend benötigte Wohngebiete. Carl-Michael Baum, US-Militärverbindungsoffizier der Stadt Wiesbaden, hat für diesen Fall bereits Pläne in der Schublade: „Wir haben schon Ideen, was wir dort entwickeln könnten.“



