Chinas Wirtschaftsflaute: Doppelte Gefahr für deutsche Industrie
Chinas Flaute: Doppelte Gefahr für deutsche Industrie

Die wachsenden wirtschaftlichen Probleme in China verschärfen die Not der deutschen Industrie erheblich. Da die Binnennachfrage in der Volksrepublik schwächelt, forcieren viele chinesische Industrieunternehmen ihre Exporte zunehmend. Für deutsche Firmen bedeutet das eine doppelte Belastung: Sie verlieren Marktanteile sowohl im chinesischen Markt selbst als auch in der übrigen Welt, einschließlich Europas.

Debatte um Japans Stagnation als Warnung

Ökonomen und Finanzexperten diskutieren derzeit, ob China auf eine sogenannte Japansierung zusteuert – eine möglicherweise jahrzehntelange Stagnation, wie sie Japan seit den 1990er-Jahren erlebt. Damals platzte eine Immobilienblase nach einem rasanten Wirtschaftsaufschwung, was zu einer langanhaltenden Wachstumsschwäche führte. Diese Parallele sorgt in Fachkreisen für wachsende Besorgnis.

Bereits jetzt belastet die schwache Nachfrage in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt das Geschäft sowohl chinesischer als auch ausländischer Unternehmen. Oliver Oehms, Chef der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Nordchina, zeigt sich pessimistisch: „Wir rechnen nicht mit einer deutlichen Besserung der Binnenwirtschaft in naher Zukunft“, sagt er. Er verweist auf den in diesem Jahr verabschiedeten Fünfjahresplan Pekings, der weiterhin primär auf die Verbesserung der Angebotsseite setzt, anstatt Anreize für mehr Nachfrage zu schaffen.

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Fehlinvestitionen als Hauptproblem

Die Ursachen der chinesischen Flaute sind vielschichtig, aber ein Kernproblem sticht hervor: In China wurde schlicht zu viel investiert. Ifo-Präsident Clemens Fuest erläutert den Unterschied zu Deutschland: „In Deutschland belaufen sich die öffentlichen Investitionen auf ungefähr fünfzehn Prozent der Gesamtinvestitionen. In China ist das Verhältnis umgekehrt, da sind die öffentlichen Investitionen höher als die privaten. Der Staat sorgt so dafür, dass er seine geplanten Wachstumszahlen erhält.“

Fuest kritisiert die Effizienz dieser Investitionen deutlich: „In China wird das Geld nicht richtig ausgegeben, es gibt erhebliche Fehlinvestitionen.“ China investiere deutlich über 40 Prozent seiner gesamten Wirtschaftsleistung, das Wachstum liege jedoch nur bei 4 bis 5 Prozent. „Das ist wie ein Unternehmen, das einen sehr großen Teil seiner Wertschöpfung in Investitionen steckt, damit aber zu wenig Gewinn erwirtschaftet, um stark zu wachsen.“ Sein Fazit: „Da stimmt etwas nicht.“ Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) bescheinigte China in einem 2025 erschienenen Papier „exzessive“ Investitionen. „China erzeugt somit künstliches Wachstum“, so Fuest.

Gigantische Verschuldung und Überproduktion

Mit staatlicher Lenkung hat Chinas Industrie enorme Summen in Forschung und Entwicklung sowie den Bau neuer Werke gesteckt. Chinesische Firmen haben westliche und japanische Unternehmen in einigen Bereichen technologisch überholt und verfügen über hochautomatisierte Fabriken mit gigantischen Kapazitäten. Der Preis dafür ist eine ebenso gigantische Unternehmensverschuldung.

Nach IWF-Prognosen wird die Verschuldung des chinesischen Privatsektors – ohne Banken – in diesem Jahr die Marke von 323 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen, weit höher als in jedem westlichen Industriestaat. In manchen Industriesektoren, darunter die Auto- und Solarbranche, schreibt mutmaßlich die Mehrheit der Unternehmen rote Zahlen. Auch die Staatsverschuldung steigt rasant.

Was der Markt in China wegen Überproduktion und schwacher Nachfrage nicht aufnehmen kann, wird exportiert. „Werden weniger unsinnige öffentliche Investitionen getätigt, wird das Bruttoinlandsprodukt fallen oder es bräuchte andere Wachstumstreiber“, sagt Fuest. „China setzt auf Wachstum durch die Förderung von Exporten.“

Deutsche Firmen passen sich an

Deutsche Unternehmen in China reagieren auf die veränderten Bedingungen. China bleibe laut AHK-Chef Oehms ein „Schlüsselmarkt für die deutsche Wirtschaft“. Allerdings berichtet die Kammer, dass sich deutsche Firmen auf neue Geschäftsmodelle konzentrieren und vermehrt mit chinesischen Unternehmen in Drittmärkte gehen.

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Hinzu kommt eine rasch alternde Gesellschaft. Die Bevölkerung Chinas könnte sich laut Schätzungen bis Ende dieses Jahrhunderts halbieren. Seit einigen Jahren belastet zudem eine nicht überwundene Immobilienkrise die Wirtschaft. Sie verdirbt jenen die Kauflaune, die ihr Erspartes in Wohnungen investiert hatten, und belastet die Baubranche, die lange als Konjunkturmotor Chinas viele Arbeitsplätze schuf.

Peking setzt auf Exportförderung

Viele Ökonomen und der IWF raten Peking seit langem, die Binnennachfrage zu stärken. „Um von diesem Ungleichgewicht herunterzukommen, müsste China den privaten Konsum entwickeln, den privaten Dienstleistungssektor überhaupt mehr Dynamik und mehr marktwirtschaftliche Steuerung zulassen“, sagt Ifo-Präsident Fuest. „Aber Staatschef Xi Jinping tut genau das Gegenteil und versucht, mit Subventionen Exporte auszudehnen.“

Die Einschätzungen zur Schwere der Lage gehen jedoch auseinander. Liu Wan-Hsin, auf China spezialisierte Ökonomin am Kiel Institut für Weltwirtschaft, relativiert: „Das Wachstum hat sich strukturell verlangsamt, liegt im internationalen Vergleich jedoch weiterhin auf einem vergleichsweise hohen Niveau, auch wenn es aus chinesischer Perspektive deutlich niedriger ausfällt als früher. Von einer eigentlichen Stagnation würde ich daher derzeit noch nicht sprechen.“

Drei entscheidende Faktoren für die Zukunft

Ob China in eine Stagnation abrutscht, hängt laut Liu an drei zentralen Punkten: „Erstens, ob China seine industrielle Produktion trotz zunehmender Handelskonflikte und geopolitischer Spannungen weiterhin erfolgreich auf den Weltmärkten absetzen kann.“ Zweitens sei entscheidend, ob die hohen Investitionen ausreichende Produktivitätsgewinne erzeugen und zu zusätzlichen Innovationen und Investitionen anregen. Drittens nennt Liu die Belebung der Binnennachfrage.

„Das Risiko einer Stagnation in China wäre meiner Einschätzung nach deutlich höher, wenn die hohen Investitionen dauerhaft keine ausreichenden Produktivitäts- und Wachstumseffekte erzeugen, wenn der Vertrauensverlust privater Unternehmen und Haushalte nicht wirksam überwunden wird und wenn China im Exportgeschäft mit deutlich stärkerem Gegenwind auf den Weltmärkten konfrontiert wird.“

Internationaler Gegenwind wächst

Die ersten Anzeichen für wachsenden Protektionismus gegen chinesische Exporte sind bereits sichtbar. Ifo-Präsident Fuest warnt: „Es ist absehbar, dass andere Länder sich wehren werden. In Europa denkt man über Zölle nach, und das wird man auch andernorts tun, in den USA sowieso. Insofern ist die Gefahr real, dass das Wachstum weiter sinkt.“ Für die deutsche Industrie bedeutet dies: Der Druck durch chinesische Exporte dürfte anhalten, während gleichzeitig der chinesische Markt an Attraktivität verliert.