Vom Plauer See auf die Weltmeere: Ein Aida-Offizier erzählt vom Alltag auf hoher See
Dichter Nebel hängt über dem Cruise-Terminal in Kiel, Möwen kreischen von den Dächern. Am Morgen hat das Kreuzfahrtschiff „Aida prima“ am Ostseekai festgemacht. Das Anlegemanöver des Schiffes hat Hendrik Heiser jedoch verschlafen. Der Plauer ist bereits seit Mitte Dezember an Bord. Allerdings verbringt er dort nicht seinen Urlaub, sondern arbeitet. Er ist dritter Offizier bei der Rostocker Reederei Aida Cruises und stand zwischen 0 und 4 Uhr zum Wachdienst auf der Brücke.
Vom Piloten zum Seefahrer: Ein ungeplanter Karriereweg
„Eigentlich bin ich nur zufällig auf die Seefahrt aufmerksam geworden“, so der gebürtige Hesse. „Ich wollte ursprünglich Pilot werden, aber meine Augen waren zu schlecht.“ Also musste eine Alternative her. Nach dem Abitur bewarb er sich bei Aida Cruises und studierte Nautik und Seeverkehr in Warnemünde, der Fachbereich gehört zur Hochschule Wismar.
In den Wintermonaten, meist von November bis April, ist er auf einem Schiff der Kussmundflotte unterwegs. Während des Sommers arbeitet Heiser auf dem Plauer See als Schiffsführer in Ausbildung. Sein Ziel ist es, in diesem Jahr das Kapitänspatent für Binnenschifffahrt zu erlangen und die Fahrzeuge eigenständig zu steuern. Im Winter ruhen die Fahrgastschiffe.
2018 begann seine Karriere auf Kreuzfahrtschiffen mit der „Aida blu“, die ihn von der Adria bis nach Mauritius führte. Später war er auf der „Aida perla“ in der Karibik und Nordeuropa unterwegs. Auf der „Aida luna“ entdeckte er spektakuläre Ziele wie Island, Spitzbergen und das Nordkap. Sein Wunsch, die Welt zu sehen, verbindet sich so mit seiner großen Leidenschaft für die Schifffahrt.
24-Stunden-Betrieb auf der Brücke: Intensive Schichten und vielfältige Aufgaben
„Meine letzte Schicht war um 4 Uhr früh zu Ende“, sagt Heiser und gähnt. „Dann kommt die Ablösung aus der nächsten Schicht. Ich lege mich dann ins Bett und schlafe ein paar Stunden, bevor es spätestens um 10.45 Uhr weitergeht.“ Denn die Brücke muss 24 Stunden durchgängig besetzt sein. Das bedeutet aber nicht, zweimal vier Stunden Schicht auf der Brücke. Dazu kommen Drills, also Übungen, Besprechungen oder andere Dinge, die gelegentlich anfallen. Auch abhängig von der Uhrzeit der Schichten.
Im Kieler Hafen steht an diesem Tag einiges auf dem Programm: 4000 Passagiere reisen ab, 4000 neue kommen an Bord. Zusätzlich wird Treibstoff gebunkert, mehrere Lastwagen bringen Lebensmittel. „Die Ladung all dieser Lastwagen dort muss heute aufs Schiff gebracht werden“, sagt der Offizier und deutet auf eine Kolonne aus etwa 15 Fahrzeugen. „Außerdem müssen wir Abwasser und Grauwasser abgeben und Frischwasser auffüllen. Auch der Müll, der sich auf der letzten Reise angesammelt hat, wird entsorgt.“
Während Hendrik Heiser die Müllentsorgung beobachtet, kommt ihm ein Erlebnis wieder in den Sinn: „Wir haben auf den Schiffen der Flotte unsere vier Maskottchen – bei Aida heißen sie Clubbies – Alwine, Itzi, Dodo und Achwasachwas, und für jeden Clubbie ein Kostüm. Das von Alwine war mal so kaputt, dass wir es entsorgen mussten. Schließlich lag es im von oben offenen Müllcontainer oben auf. Das haben Kinder gesehen, die mit ihren Eltern auf dem Schiff waren, und sie haben bitterlich geweint“, führt er aus und ergänzt: „Das den Kleinen zu erklären, war auch nicht unbedingt einfach.“
Unerwartete Herausforderungen und besondere Begegnungen mit Passagieren
Das Aufgabenfeld des Plauers ist umfangreicher, als mancher denken mag. „Wir haben hier keinen klassischen Nine-to-five-Job. Nach den Schichten folgen Übergaben und regelmäßig auch Drills“, berichtet Heiser. „Heute üben wir, wie wir das Theatrium evakuieren. Dafür gibt es verschiedene Szenarien, die wir vorher nicht kennen und auf die wir dann entsprechend reagieren müssen. Dafür hat jeder seine Aufgabe.“
Auf der Brücke ist das Aufgabengebiet des dritten Offiziers umfangreich. „Gerade in der Schicht von 4 bis 8 Uhr fallen häufig die Anlegemanöver in den verschiedenen Häfen in unser Aufgabenfeld. Da ist dann tendenziell mehr Betrieb als zwischen 0 und 4 Uhr, wenn die meisten Passagiere und Crewmitglieder schlafen.“ Und immer wieder kommt es vor, dass die Offiziere in der Schicht auf ungeplante Dinge reagieren müssen: „Wenn wir etwa einen Hafen nicht anfahren können, weil es etwa zu windig oder vereist ist, müssen wir auf der Brücke eine Ausweichmöglichkeit suchen“, erklärt Heiser und ergänzt: „Zuletzt ist uns das häufiger passiert.“
Meist ist das Wetter daran schuld, dass umgeplant werden muss. „Es gibt Häfen, die wir eigentlich nicht mehr anfahren wollen. Manchmal zwingt uns das Wetter aber dazu.“ Dazu gehört unter anderem ein Hafen in Polen. Dort liegen die Kreuzfahrtschiffe direkt neben dem Industriehafen, wo Kohle verladen wird. „Das bedeutet immer viel Schmutz und unkonventionelle Lösungen.“ Um zu verhindern, dass der Kohlestaub, der an den Schuhsohlen klebt, ins Innere des Schiffes kommt, hatte die Crew Handtücher an Deck ausgelegt.
Amüsante Anekdoten und die Faszination des offenen Meeres
An Bord erlebt der Offizier immer wieder Momente, „mit denen ich ein Buch füllen könnte“, so Heiser. Oft auch im Kontakt mit Passagieren. „Alle Beschwerden über die Reise werden zunächst an der Rezeption aufgenommen und anschließend an die Brücke weitergegeben.“ Dabei werde jede Beschwerde ernst genommen und es werde nach einer Lösung gesucht, betont der 27-Jährige. „Trotzdem kann es auch passieren, dass wir über die ein oder andere Beschwerde eher schmunzeln müssen.“
Und das komme öfter vor. „Eine meiner Lieblingsfragen ist, wenn Passagiere wissen wollen, ob wir auch auf dem Schiff schlafen. Die Frage ist schon schräg. Denn: Wo sollen wir hin?“, sagt er und zuckt schmunzelnd mit den Achseln.
Immer mal wieder kommt es vor, dass Passagiere zu heiß duschen. Dabei lassen manche die Tür von Dusche und WC offen. Der Dampf findet also seinen Weg in die Kabine und der dort installierte Rauchmelder springt an. „Wir bekommen dann einen Alarm auf der Brücke. Dann erfolgt umgehend ein Anruf auf der Kabine. In diesem Fall nahm der Fahrgast den Telefonhörer ab und meinte ganz entspannt: ‚Ich glaube, bei mir piepst’s.‛ Im Hintergrund rief seine Frau: ‚Das stimmt, bei dir piepst’s wirklich!‛ Bei solchen Sprüchen müssen wir dann schon auch lachen.“
Wenn Seetage anstehen, nimmt sich Hendrik Heiser bewusst die Zeit, von der Brücke aufs offene Meer zu schauen. „Das ist wunderschön. Besonders wenn die Sonne aufgeht“, schwärmt er. Dann kommen ihm auch die Worte seines ehemaligen Lehrers in den Kopf, der zu ihm sagte: „Wenn du arbeitest, bezahlt dich niemand dafür, wenn du nur dem Fenster schaust.“



