Antarktis auf die harte Tour: Wo Pinguine ums Überleben kämpfen
Unser Reporter umsegelte Kap Hoorn und kehrte tief bewegt von einer Expedition in die Antarktis zurück. Ein Foto erinnert an ein holländisches Barockgemälde: Die Bark Europa, ein Dreimaster, liegt vor einem majestätischen Gletscher in der Antarktis. In diesem Moment zweifelt man, ob man wirklich im Jahr 2026 lebt oder nicht doch in der Zeit von Robert Scotts Terra-Nova-Expedition im Jahr 1911.
Eine Reise in eine vergangene Ära
Das Skelett eines Wals bleicht im strömenden Regen vor sich hin. Zwei Eselspinguine watscheln, Flügel an Flügel, dem Segelschiff entgegen, das antriebslos vor der eisigen Kulisse ruht. Bei 64°50′ S, 63°30′ W liegt Jougla Point, einst ein sicherer Ankerplatz für Walfänger, heute ein felsiger Brutplatz für Eselspinguine. Hier landen Schiffsreisende, die vor neun Tagen vom argentinischen Ushuaia aufgebrochen sind, um den weißen Kontinent zu erkunden.
Trotz teurer Segelkleidung laufen wir durchnässt durch den Schlamm, nur einen Steinwurf entfernt vom südlichsten Postamt der Welt in Port Lockroy. Die Postkarten brauchen drei Monate nach Europa – die Antarktis kennt keine Eile, aber sie kennt Veränderung. Diese Tour an Bord der Bark Europa ist auch eine Reise in den Klimawandel. Die Antarktische Halbinsel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zeitweise um bis zu einem halben Grad pro Jahrzehnt erwärmt, und hier bekommt diese abstrakte Zahl ein Gesicht.
Klimawandel mit schmerzhaften Folgen
Im nassen Schlamm liegen die Kadaver toter Pinguin-Küken. Ein Jungtier kämpft schlammverkrustet gegen das Erfrieren, doch vergeblich. Jordi Plana, der seit 2001 jährlich im Eis ist, erklärt: „Es gibt so viel mehr Regen hier. Es ist wärmer. Und so paradox es klingt: Die Erwärmung lässt die Jungen sterben. Die Küken haben noch nicht das wasserabweisende Gefieder ihrer Eltern. Sie werden durchnässt und erfrieren im kalten Wind.“ Was der ausgehungerte Eisbär für die Arktis ist, sind hier schlammverkrustete Pinguine: ein Symbol für eine Welt im Ungleichgewicht.
Seglerische Zeitreise auf historischem Schiff
Unser Weg ist eine seglerische Zeitreise. Wir sind Exoten mit drei Masten und maximal 21 Segeln. Vor 115 Jahren hatte der Schiffsrumpf seine Taufe als Feuerschiff auf der Elbe in Hamburg. Heute zieht die Antarktis jährlich mehr als 100.000 Menschen an, die in sogenannten Expeditionsschiffen oder auf riesigen Kreuzfahrtdampfern reisen. Doch nur weniger als 200 wagen das Abenteuer unter alten Segeln.
Die holländische Bark Europa ist ein Ozean-Wanderer mit 60 Menschen an Bord. Die Unterkünfte sind beengt – Luxus sieht anders aus. Wer glaubt, dieses letzte wahre Segelabenteuer sei nur etwas für harte Jungs, irrt: Die feste Crew besteht aus elf Frauen und sieben Männern.
Die Herausforderung der Drake Passage
Bei 59°24′ S, 64°37′ W liegt die Drake Passage, benannt nach dem Freibeuter Sir Francis Drake. Sie gilt als einer der größten Schiffsfriedhöfe der Welt. Keine 1000 Kilometer breit, doch Zyklone vom Pazifik fegen darüber hinweg. Rund 150 Millionen Kubikmeter Wasser strömen pro Sekunde durch diese Gewässer, wo Pazifik und Atlantik ungebremst aufeinandertreffen. Die See baut sich kilometerweit auf, bevor sie sich entlädt – wild, wilder, Drake Passage!
Der zweite Tag in der Drakestraße wird für viele an Bord zum Albtraum. Wellen von vier Metern wachsen auf fast sechs Meter an, die Böen erreichen schwere Sturmstärke. Das Schiff arbeitet hörbar: Holz knarzt, Stahlseile singen, jede Welle hebt den Rumpf an, um ihn im nächsten Moment wieder fallen zu lassen. Wer nicht seekrank ist, klammert sich an etwas Festes.
Abenteuer in den Masten
An Bord der Bark Europa heißt es: ab in die Masten! Ein Sturm hatte eines der Segel zerfetzt, und um manövrierfähig zu bleiben, muss es ausgetauscht werden – bei fünf Grad Celsius, in 16 Metern Höhe und Sturm mit 60 km/h. Für Lisa Blair, eine Australierin, die 2022 den Rekord für die schnellste Antarktisumrundung hält, ist diese seglerische Achterbahnfahrt keine Herausforderung. „So wie gerade war der Ozean in etwa 70 Prozent meiner Umrundung“, sagt sie nüchtern.
Ankunft in der Antarktis
Nach 82 Stunden heißt es: Land in Sicht. Über den weißen Wellenkämmen erhebt sich der eisige Gipfel von Mont Foster (2105 Meter) auf den South Shetland Islands. Die Antarktis empfängt uns mit einem flachen Licht über dem Eis, das stiller wirkt, als es ist. Nach dem Sturm steht Chris, eine pensionierte Lehrerin aus Luxemburg, vor mir. Sie erklärt: „Du bist der Grund, warum ich hier bin. Ich habe vor Jahren deine Reportage über die Europa gelesen und mir gesagt: Das mache ich nach meiner Pensionierung auch.“
Und sie segelt nun durch eine Welt voller Eisskulpturen, die selbst Rodin neidisch machen würden. Sie erlebt eine Tierwelt, die auf unvergleichlich schöne Weise in dieser lebensfeindlichen Welt ums Überleben kämpft, und lauscht einer Stille, die ohrenbetäubend sein kann.
Rückkehr und Reflexion
Bei 55°59′ S, 67°17′ W segeln wir mit sieben Knoten vorbei am berühmten Kap Hoorn, vier Tage nach unserem Aufbruch aus dem Eis. Der zweite Teil unserer Reise beginnt mit Wachdiensten bei Nacht, im Regen oder Sturm, immer mit Klettergurten gesichert. Das Klettern in die Masten bleibt ein adrenalingeladenes Erlebnis, aber die Hände frieren schnell taub im starken Wind.
Mit der Bark Europa wird die Antarktis spürbar – direkt, unverfälscht, hart, aber herzlich. Das Wasser bietet Achterbahngefühle mit vier Meter hohen Wellen, und nachts zeigt sich manchmal das Kreuz des Südens. Ist das noch Urlaub oder Masochismus? Dan, der erste Steuermann aus Schottland, hat Antworten: „Hier erlebst du Dinge, die du noch Jahre später an der Bar erzählen kannst. Authentisch. Menschen wollen sich den Besuch verdienen und ihren ökologischen Fußabdruck verkleinern, indem sie in der Drake unter Segeln statt mit Motor unterwegs sind.“
Billig ist das nicht: Ab 12.000 Euro kostet die 1781 Seemeilen lange Zeitreise, die in Ushuaia endet. Christiane, die Lehrerin, resümiert: „Diese Reise hat mein Leben verändert. Wenn ich künftig vor Problemen stehe, sage ich mir: Chris, du hast zweimal die Drake Passage auf einem Segelschiff überstanden. Was soll dir noch passieren?“ Die Reise kostet Kraft, aber sie gibt etwas zurück, das im Alltag oft verloren geht: Maßstäbe. Die Antarktis verändert einen – nicht laut, aber für immer.



