Plötzlich wurde es emotional. Während eines Gesprächs mit unserer Zeitung zum Thema „Auswandern“ sah sich Marcel Schulze auf der Online-Seite des Nordkurier ein Video an. Darin erzählte sein Opa, Helmut Siegfried Steuer, von dem Tag, an dem der heute 85-Jährige mitansehen musste, wie seine Frau bei einem Autounfall starb und seine Tochter drei Monate später an Krebs. Das geschah 2004. Damals war Marcel Schulze 14 Jahre alt und hatte kurz zuvor schon die andere Oma verloren. „Dann starb auch noch mein Onkel, und am Ende hatte ich nur noch meinen Opa und meine kleine Schwester“, erzählte er und seine Augen füllten sich mit Tränen.
Vor zwei Jahren entschied sich der Witwer, der bis dahin das Häuschen in Kröchlendorff allein bewohnt hatte, für den Umzug in eine Prenzlauer Pflegeeinrichtung. Diese Entscheidung fiel dem ehemaligen Gastronomen des Gasthauses „Zur Eiche“ in Boitzenburg nicht leicht, erleichterte aber seine verbliebenen Familienmitglieder. „Ich lebte und arbeitete erst in Thüringen, dann in Hamburg. Dadurch war ich oft unterwegs und gründete eine eigene Firma“, erinnerte sich Marcel Schulze. Während des Interviews saß er mehr als 9000 Kilometer entfernt in seiner Wohnung in Jomtien (Thailand).
Firmengründung, Insolvenz und Depression
Seit April 2025 lebt er dort. Bevor er in das „Land der freundlichsten Leute“ zog, musste Marcel Schulze noch einige private, wirtschaftliche und gesundheitliche Hürden nehmen. „2018 gründete ich meine zweite Firma, es lief gut. Dann kam die Corona-Welle, ich verlor viele Kunden. Im Frühjahr 2020 musste ich Insolvenz anmelden und verfiel in eine schwere Depression. Das war richtig schlimm. 2023 hatte ich gar keinen Bock mehr auf Deutschland und wollte auswandern.“
Er entschied sich für Spanien, arbeitete in einem Callcenter und baute nebenbei ein Online-Business auf. Nach einem Jahr zog es ihn nach Dubai, weil er sich dort bessere Geschäfte erhoffte. Doch nach drei, vier Monaten baute er dort seine Zelte wieder ab. Er ging zurück nach Spanien. „Und dann, es war Januar 2025, sagte ich mir: In Spanien ist es mir zu kalt, wo könnte ich hin? Die Welt steht einem doch heutzutage offen, mit einem Online-Business kann man überall leben, wenn man es richtig macht. Meine Wahl fiel auf Kolumbien oder Thailand.“
Dann half der Zufall nach: „In einem Zoom-Call mit einem Freund, dem ich von meiner Idee erzählte, vermittelte er mir über seinen Freund eine Wohnung, die dieser sonst nicht nutzt und nur für Urlaube benötigt.“ Im Mai 2025 zog Marcel Schulze mit Sack und Pack nach Jomtien an der Ostküste des Golfs von Thailand, drei Kilometer südlich von Pattaya und 166 Kilometer von Bangkok entfernt.
Die größte Hürde ist das Visum
Seit seiner Auswanderung 2023 war Marcel Schulze nicht mehr in Deutschland; seit einem Streit hat er auch seinen Opa nicht mehr gesehen. Er kann sich nicht vorstellen, zurückzukehren. „Auf gar keinen Fall. Ich will hier definitiv für immer bleiben. Gerade bereitet mir das Visum einige Schwierigkeiten. Die Visa sind hier immer die größte Hürde. Aktuell habe ich ein Education-Visum: Ich gehe hier zur Schule und lerne unter anderem Thailändisch. Sobald ich alles geklärt habe, beantrage ich ein Visum, mit dem man fünf Jahre bleiben darf. Aber ich möchte hier für immer bleiben.“
Nur 300 Euro Miete im Monat
Er hätte es wahrlich schlechter treffen können. „Mit dem Roller bin ich in zwei Minuten am Strand. Pattaya liegt nicht weit entfernt; die Partyarena erreiche ich in zehn Minuten, und bei Stau brauche ich etwa eine Viertelstunde bis in die Innenstadt. Ich wohne etwas abgelegen und ruhiger; hier leben eher ältere Leute, die bereits ausgewandert sind und in Thailand ihren Lebensabend genießen möchten.“
Der 36-Jährige betont die Vorteile bei Wohn- und Lebenskosten: „Für meine zwei-etagige Wohnung mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Badezimmer und kleiner Küche zahle ich 300 Euro Miete im Monat. Wenn ich viel verbrauche, kosten mich Wasser fünf Euro, und für den Strom zahle ich 60 Euro im Monat. Das treibt vor allem der Betrieb der zwei Klimaanlagen in die Höhe, die rund um die Uhr laufen.“
Zu Hause bleibt der Herd meistens aus. Er kocht selten, gesteht er, denn die Preise sind unschlagbar. „Besonders das einheimische Essen ist extrem günstig. Für eine gute, sättigende Mahlzeit zahlt man ungefähr 1,60 Euro: Reis, Hähnchen, Soße und in kleinen Restaurants sogar kostenloses Wasser. Teurer wird es, wenn man viel Party macht, häufig ausgeht und Pizza, Burger, Spaghetti oder Ähnliches bestellt. Im Vergleich zu Deutschland bleibt das aber günstig. Mit 1500 Euro im Monat lebt man hier richtig gut. Man kann sich eine Wohnung am Meer leisten und genießt gefühlt jeden Tag Sonnenschein“, schwärmt er.
Hier ist niemand schlecht gelaunt
„Und ich habe nur glückliche Menschen um mich herum. Thais sind von Natur aus super happy, super offen, super freundlich und zuvorkommend. Sie sind extrem herzlich und wenn man ihnen mit Respekt begegnet, wird man automatisch gut behandelt. Ich habe hier noch nie erlebt, dass jemand mir gegenüber ein Gesicht verzogen hat oder schlecht gelaunt war. Das Land ist einfach nur geil. Ich habe schon so viele tolle Dinge gesehen und erlebt. Man muss allerdings mit dem Klima klarkommen. Es ist wirklich warm und auch teilweise sehr, sehr schwül durchgehend. Aber auch da gewöhnt man sich dran.“
Sprache lernen ist wichtig
Marcel Schulze bereut seine Auswanderung bisher nicht. Um besser Fuß zu fassen, lernt er die Landessprache. Er hält es für wichtig, die Sprache zu beherrschen. Er ist oft mit Thais unterwegs, weil ihn auch ihre Kultur und ihr Leben interessieren. Er sagt: „Ich kann nicht als Deutscher in meinem eigenen Land sitzen und von allen fordern, sie sollen unsere Sprache lernen, aber wenn ich ins Ausland gehe, halte ich mich nicht daran. Das wäre für mich Doppelmoral.“
„Erfolg unter Palmen“ verfolgen 10.000 User
Der Single finanziert sein Leben in Thailand mit seinem Online-Business und vertreibt unter anderem digitale Produkte. Er erklärt in verschiedenen Bereichen, wie man online Geld verdient, wie man YouTube-Kanäle aufbaut und Ähnliches. Auf seiner YouTube-Seite „Erfolg unter Palmen“ folgen ihm 10.000 User, dort berichtet er von seinen eigenen Erfahrungen beim Aufbau seines Online-Business.
Welchen Rat gibt er Menschen, die auswandern möchten, aber keine Idee haben, wie sie ihr Leben vor Ort finanzieren sollen? „Denkt an die Zeitverschiebung: Thailand liegt fünf Stunden voraus. Deshalb funktioniert ein Remote-Job oft nicht. Außerdem benötigt man in Thailand eine Arbeitserlaubnis. Ich empfehle ein Online-Business, das weitgehend unabhängig von Ort und Zeit läuft. Das könnt ihr schon aufbauen, bevor ihr auswandert. Dann spielt es keine Rolle, ob ihr in Spanien, Dubai, Thailand, Kolumbien oder sonst wo lebt.“



