Ottobock plant Veräußerung des historischen Stammsitzes in Thüringen
Der renommierte Prothesenhersteller Ottobock aus Duderstadt in Südniedersachsen befindet sich in fortgeschrittenen Verhandlungen über den Verkauf seines Rollstuhlwerks im thüringischen Königsee. Dies gab Vorstandschef Oliver Jakobi in einem exklusiven Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur bekannt. Das Unternehmen führt derzeit intensive Gespräche mit mehreren potenziellen Käufern und rechnet in den kommenden Monaten mit ersten verbindlichen Vertragsabschlüssen.
Ziel: Erhalt von Standort und Arbeitsplätzen
Im Mittelpunkt der Verhandlungen steht der Erhalt des gesamten Standortes samt der dort angesiedelten 270 Arbeitsplätze. „Wir haben bereits im vergangenen Jahr damit begonnen, mit verschiedenen interessierten Parteien zu sprechen“, erklärte Jakobi. Die genauen Namen der Interessenten hielt er dabei bewusst zurück. Die finale Transaktionsform sei noch nicht abschließend geklärt, allerdings schloss der Vorstandschef einen Komplettverkauf nicht aus. „Es kann durchaus zu einem vollständigen Verkauf kommen“, so Jakobi, betonte jedoch gleichzeitig: „Die Arbeitsplätze stehen dabei keinesfalls zur Disposition.“
Emotionaler Abschied von historischem Standort
Für das Unternehmen stellt der Standort Königsee keine gewöhnliche Produktionsstätte dar. Vielmehr handelt es sich um den einstigen Stammsitz, den Ottobock ab dem Jahr 1920 bis zur Enteignung durch die sowjetische Besatzungsmacht im Jahr 1948 beheimatete. Nach dieser Zwangspause verlegte das Unternehmen seinen Hauptsitz nach Duderstadt in Niedersachsen. Erst nach dem Ende der DDR und der deutschen Wiedervereinigung gelang Ottobock im Jahr 1991 der Rückkauf des historischen Firmenanwesens in Königsee, wo in der Folge die Rollstuhlsparte aufgebaut wurde.
„Die geplante Trennung fällt uns emotional nicht leicht“, räumte Jakobi ein. „Auf alle Fälle schwingt da auch ein bisschen Wehmut mit.“ Diese sentimentale Bindung unterstreicht die tiefe historische Verwurzelung des Unternehmens an diesem besonderen Ort.
Strategische Neuausrichtung als Treiber
Als primären Grund für die geplante Veräußerung nannte Jakobi eine strategische Neuausrichtung des Unternehmens. Das Rollstuhlgeschäft passe „nicht mehr so richtig zu unserem sonstigen Geschäft“, erklärte der Vorstandschef. Ottobock konzentriere sich zukünftig verstärkt auf Kernbereiche, in denen das Unternehmen Marktführerpositionen innehat und aktiv Märkte gestalten kann. „Wir fokussieren uns darauf, wo wir richtig stark sind, wo wir Marktführer sind, wo wir auch die Möglichkeit haben, die Märkte weiterzuentwickeln und zu beeinflussen. Und geben das auf, wo wir einer von verschiedenen Anbietern sind“, präzisierte Jakobi die strategische Entscheidung.
Zeitplan und weitere Veräußerungen
Laut Finanzvorstand Arne Kreitz gehört das Rollstuhlgeschäft zu insgesamt fünf Geschäftsbereichen, die das Management seit dem Jahr 2022 zur Veräußerung vorgesehen hat. Drei dieser Bereiche seien bereits erfolgreich verkauft oder geschlossen worden. Neben dem Thüringer Rollstuhlwerk steht aktuell lediglich noch ein kleinerer Abrechnungsdienstleister in den Vereinigten Staaten zum Verkauf.
Das Unternehmen hat sich für den Verkaufsprozess bewusst Zeit genommen, um eine optimale Lösung für den Standort zu finden. „Ziel ist es, für den Standort eine gute Zukunft sicherstellen zu können“, betonte Jakobi. Ein Verkauf mit anschließender Schließung komme unter keinen Umständen in Frage. Der gesamte Trennungsprozess soll bis spätestens Mitte des Jahres 2027 abgeschlossen sein, wobei das Unternehmen weiterhin den Erhalt aller Arbeitsplätze als oberste Priorität definiert.



