Vom DDR-Vorzeigebetrieb zum Marktführer: Die bewegte Geschichte von Rotkäppchen Sekt
Rotkäppchen Sekt: Vom DDR-Betrieb zum Marktführer (22.02.2026)

Vom DDR-Vorzeigebetrieb zum deutschen Marktführer: Die außergewöhnliche Erfolgsgeschichte der Rotkäppchen Sektkellerei

In der DDR gehörte Rotkäppchen Sekt zu den begehrtesten Produkten, die oft nur als sogenannte Bückware erhältlich waren. Nach der Wiedervereinigung brach der Absatz dramatisch ein, zahlreiche Arbeitsplätze gingen verloren, und die Existenz des Unternehmens stand auf der Kippe. Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, hat sich das einstige DDR-Unternehmen nicht nur erholt, sondern ist mit einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro und rund 1.000 Mitarbeitern an mehreren Standorten zum unangefochtenen Marktführer im deutschen Sektmarkt aufgestiegen. Diese bemerkenswerte Entwicklung basiert auf einer Firmengeschichte, die bereits 169 Jahre zurückreicht.

Die bescheidenen Anfänge einer Weinhandlung im Jahr 1856

Die Wurzeln des Unternehmens liegen im nördlichsten Weinbaugebiet Deutschlands, Saale-Unstrut. Am 26. September 1856 eröffneten die Brüder Moritz und Julius Kloss gemeinsam mit ihrem Freund Carl Foerster unter dem Namen Kloss & Foerster eine Weinhandlung. Bereits kurze Zeit später wagten sie den Schritt in die Sektherstellung und füllten die ersten 6.000 Flaschen in einer Wohnung im Hinterhaus der Familie Kloss ab. Im Jahr 1887 entstand ein neues Kellereigebäude, das sich fünf Stockwerke unter der Erde erstreckt und eine Fläche von 13.000 Quadratmetern umfasst. Dieses historische Gebäude bildet noch heute das Herzstück der Sektkellerei. Seit 1894 trägt die Marke den ikonischen Namen Rotkäppchen Sekt.

Die schwierige Zeit der Enteignung und der Übergang in Volkseigentum

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die sowjetische Militärverwaltung 1946 die Zwangsverwaltung der Sektkellerei. Ein Jahr später führten die Industriewerke der Provinz Sachsen das Unternehmen, das bis 1948 als Treuhandbetrieb geführt wurde. Grundlage dafür war die Enteignung der Eigentümer. Günther Kloss, dem persönlich haftenden Gesellschafter, wurden unter anderem Unterschlagung, Bereicherung und die Begünstigung der Nationalsozialisten vorgeworfen. Obwohl ein Gericht Kloss freisprach, konnte er das Unternehmen nicht zurückerlangen. Das Unternehmen ging schließlich als VEB Rotkäppchen Sektkellerei Freyburg in Volkseigentum über.

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In der DDR entwickelte sich Rotkäppchen zu einem Vorzeigebetrieb mit innovativen Produkten. Bereits 1966 brachte das Unternehmen einen speziellen Sekt für Diabetiker auf den Markt. Parallel dazu verkaufte Kloss & Foerster Rotkäppchen Sekt auch in Westdeutschland, genauer in Rüdesheim, wo Günther Kloss nach seiner Enteignung die Markenrechte hielt und eine neue Sektkellerei gegründet hatte.

Zufällige Kreationen und technische Innovationen prägen die Produktpalette

Eine legendäre Anekdote aus der Firmengeschichte ist die Entstehung des Mocca-Sektes im Jahr 1971. Rüdiger Pietz, der Leiter der Qualitätskontrolle, kühlte seinen zu heißen Kaffee spontan mit einem Schluck Sekt ab. Aus dieser zufälligen Idee entwickelte er nach intensiver Forschungsarbeit die Mocca Perle, die zu einem beliebten Produkt wurde.

Die steigende Nachfrage erforderte kontinuierliche technische Investitionen. 1971 erweiterten die Verantwortlichen die Anlage um zwei Hallen, da die Kapazitäten trotz Großraumgärung im Transvasierverfahren nicht mehr ausreichten. Durch weitere technische Modernisierungen erreichte die Produktion in den 1980er Jahren mehr als 10 Millionen Liter, die in etwa 15 Millionen Flaschen abgefüllt wurden. Die Umstellung von der traditionellen Flaschengärung auf das Transvasierverfahren ermöglichte zudem eine Erweiterung des Sortiments.

Kreative Produktentwicklungen und grenzüberschreitender Erfolg

1978 entwickelten Forscher eine abgewandelte Form des Herrengedecks, indem sie Sekt und Pils kombinierten und so das Sekt-Pils kreierten. In den 1980er Jahren bot das Unternehmen durchschnittlich etwa 38 verschiedene Sektmarken pro Jahr an. Anfang desselben Jahrzehnts gelang Rotkäppchen ein grenzüberschreitender Erfolg: Von Rostock aus belieferten Mitarbeiter internationale Schifffahrtslinien. Zwei Importeure in der Bundesrepublik entdeckten diesen Vertriebsweg und nahmen Rotkäppchen in ihr Sortiment auf.

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1987 erreichte die Kellerei mit 15,3 Millionen verkauften Flaschen ihren bisher höchsten Absatz. Kunden zahlten damals zwischen 17 und 23 Mark für eine Flasche Rotkäppchen Sekt, der als Luxusprodukt galt und nur mit Beziehungen oder Glück erhältlich war.

Der dramatische Einbruch nach der Wende und der Kampf ums Überleben

Nach der Wiedervereinigung brach der Umsatz massiv ein. Die Kellerei verkaufte 1990 nur noch 7,1 Millionen Flaschen, im zweiten Halbjahr sank der Absatz sogar auf lediglich 1,8 Millionen Flaschen. Das Unternehmen reagierte mit drastischen Maßnahmen: Die Belegschaft wurde von 365 auf zunächst 205, später auf nur noch 66 Beschäftigte sowie vier Auszubildende reduziert. Im Juni 1990 änderte das Unternehmen seine Rechtsform zur GmbH, wobei die Treuhand die Anteile übernahm.

Anke Schertling, die seit 1984 als Leiterin der Herstellung bei Rotkäppchen in Freyburg arbeitet, erinnert sich: „Es war eine schwere Zeit. Wir hatten Kurzarbeit, produzierten nichts, weil wir genug auf Lager hatten. Die Kunden riefen keine Waren ab.“ Mit der Währungsunion übernahmen Handelsketten den Einzelhandel und sortierten alles aus, was noch aus DDR-Zeiten stammte. „Man musste erst einmal zusehen, dass man dort wieder hineinkommt. In der Zwischenzeit lief gar nichts“, berichtet Schertling. Doch die Mitarbeiter gaben nicht auf: Sie besuchten Märkte, präsentierten den Sekt und machten deutlich: „Wir sind noch da!“

Die Rettung durch mutige Mitarbeiter und einen privaten Investor

1992 entschieden sich der neue Geschäftsführer Gunter Heise, der frühere technische Leiter, sowie langjährige Mitarbeiter wie Jutta Polomski (Controlling), Dr. Lutz Lange, Ulrich Wiegel (Technik) und das Marketingtalent Hans-Jürgen Krieger aus Wiesbaden zu einer mutigen Initiative: Sie wollten das Unternehmen von der Treuhand kaufen. In der ersten Verhandlungsrunde fehlte ihnen jedoch das nötige Kapital. Heise ging sogar so weit, seinen roten Opel Kadett als Sicherheit bei der örtlichen Sparkasse zu hinterlegen.

Der Durchbruch gelang, als Heise auf einer Geburtstagsfeier den Unternehmer Harald Eckes-Chantré kennenlernte, der als Privatinvestor und Mehrheitseigentümer in das Unternehmen eintrat und so den Kauf ermöglichte. In der Folge stieg der Absatz auf 5,7 Millionen Flaschen.

Marketinggenie und nationale Spitzenposition

Eine bundesweite Marketingkampagne brachte dem Unternehmen den endgültigen Durchbruch: 1995 erreichte Rotkäppchen Sekt in den neuen Bundesländern die Spitzenposition als meistverkaufter Sekt und schaffte es bundesweit unter die zehn absatzstärksten Marken. Insgesamt wurden im Jahr 1995 17 Millionen Flaschen verkauft.

Ein Meilenstein im Marketing war der legendäre Werbespot aus dem Jahr 2000, in dem die geheimnisvolle „Maria“ im roten Kleid ihren Liebsten am Bahnhof mit einer Flasche Sekt überraschte. Dieser Spot prägte 17 Jahre lang das Image der Marke und blieb vielen Verbrauchern im Gedächtnis.

Expansion und Diversifikation des Sortiments

Ende 2001 erreichte Rotkäppchen einen neuen Höhepunkt und wurde zur erfolgreichsten Sektmarke in Deutschland. 2006 erweiterte das Unternehmen sein Angebot und brachte neben Sekt auch Rot- und Weißwein auf den Markt. Im November desselben Jahres wagten die Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien einen bedeutenden Schritt in den Spirituosenmarkt und kauften das deutsche Geschäft der Eckes Spirituosen & Wein GmbH (ESW). Dadurch kamen traditionsreiche Marken wie die Weinbrände CHANTRÉ und Mariacron, der Kornbrand Echter Nordhäuser sowie der Likörklassiker Eckes Edelkirsch ins Portfolio.

Die Expansion wurde konsequent fortgesetzt: Im April 2014 erweiterten die Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien ihr Portfolio mit dem Neuprodukt Fruchtsecco. 2020 brachten sie Glühwein in drei Varianten heraus, darunter einen hellen Rotwein mit Aromen von Beeren, Mandarinen und Nelken. 2023 ergänzte das Unternehmen die Weinlinie um die Sorte Rot Lieblich.

Die Rotkäppchen Erlebniswelt als modernes Besucherzentrum

Vor zwei Jahren eröffnete die Rotkäppchen Erlebniswelt in Freyburg (Unstrut) nach einer zweijährigen Bauzeit ihre Tore. Das modern gestaltete Ausstellungserlebnis erstreckt sich über 1.400 Quadratmeter und bietet 50 interaktive Stationen. Zwei Etagen wurden in den Kelleranlagen der historischen Sektkellerei aufwendig umgebaut, und auch der Zugang zu Deutschlands größtem hölzernen Cuvéefass wurde neu gestaltet. Die Erlebniswelt überrascht Fans und Genussinteressierte mit zahlreichen Gelegenheiten, selbst aktiv zu werden, und dokumentiert die beeindruckende Entwicklung des Unternehmens von den bescheidenen Anfängen im Jahr 1856 bis zum heutigen Marktführer.

Die Geschichte der Rotkäppchen Sektkellerei ist ein beeindruckendes Beispiel für unternehmerische Resilienz, Innovationskraft und die Fähigkeit, selbst tiefgreifende wirtschaftliche und politische Umbrüche nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. Vom DDR-Vorzeigebetrieb zum nationalen Marktführer – dieser Weg zeigt, wie Tradition, Qualität und mutige Entscheidungen auch unter schwierigsten Bedingungen zum Erfolg führen können.