Vom DDR-Volkseigenen Betrieb zum Marktführer: Die Erfolgsgeschichte von Rotkäppchen Sekt
Rotkäppchen Sekt: Vom DDR-Betrieb zum Marktführer

Vom DDR-Volkseigenen Betrieb zum Marktführer: Die Erfolgsgeschichte von Rotkäppchen Sekt

In der Kaufhalle oder im Konsum gab es einige Produkte nur als Bückware. Nach 1990 brach der Absatz massiv ein, zahlreiche Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Heute ist das frühere DDR-Unternehmen wieder Marktführer mit Milliardenumsatz. Zu den Vorzeigeunternehmen in der DDR zählte eine auch heute noch ganz berühmte Kellerei. Ihre Geschichte reicht allerdings noch weiter zurück – genau genommen 169 Jahre. Seitdem entwickelte sich das Unternehmen rasant weiter. Heute beschäftigen die Betriebe rund 1000 Mitarbeiter, die an mehreren Standorten einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro erwirtschaften.

Von der Weinhändler zum Sektproduzenten

Der Betrieb, damals noch Kloss & Foerster, erkannte frühzeitig die Zeichen der Zeit. Die Brüder Moritz und Julius Kloss sowie ihr Freund Carl Foerster legten den Grundstein für das Unternehmen und eröffneten am 26. September 1856 eine Weinhandlung im nördlichsten Weinbaugebiet Deutschlands, Saale-Unstrut. Schon kurze Zeit später gründeten sie ihr eigenes Unternehmen zur Sektherstellung. Die ersten 6.000 Flaschen Kloss & Foerster Sekt füllten sie in einer Wohnung im Hinterhaus der Familie Kloss ab. Im Jahr 1887 errichteten sie ein neues Kellereigebäude, das sich fünf Stockwerke unter der Erde erstreckt und eine Fläche von 13.000 Quadratmetern umfasst. Dieses Gebäude dient noch heute als Herzstück der Sektkellerei. Seit 1894 trägt die Marke den Namen Rotkäppchen Sekt. Zu DDR-Zeiten war es der VEB (Volkseigene Betrieb) Rotkäppchen Sektkellerei.

Unterschlagung vorgeworfen

Nun ein großer Sprung ins Jahr 1946. Die sowjetische Militärverwaltung übernahm die Zwangsverwaltung der Sektkellerei. Im Jahr darauf führten die Industriewerke der Provinz Sachsen das Unternehmen. Bis 1948 blieb es ein Treuhandbetrieb. Die Voraussetzung dafür bildete die Enteignung. Wie bei diesem Vorgang üblich, nannten die Verantwortlichen Beschuldigungen als Ursache: Sie warfen Günther Kloss, dem persönlich haftenden Gesellschafter, unter anderem Unterschlagung, Bereicherung und die Begünstigung der Nationalsozialisten vor. Obwohl ein Gericht Kloss freisprach, konnte er das Unternehmen nicht zurückerlangen, heißt es in der Chronik.

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Sekt für Diabetiker und Zufällige Kreationen

Das Unternehmen ging schließlich unter dem Namen „VEB Rotkäppchen Sektkellerei Freyburg“ in Volkseigentum über. Im Jahr 1955 produzierten die Mitarbeiter 3.677 Hektoliter Sekt. Elf Jahre später entwickelte Rotkäppchen einen neuen Sekt für Diabetiker und brachte diesen auf den Markt. Parallel dazu verkaufte Kloss & Foerster Rotkäppchen Sekt auch im Westen Deutschlands, genauer gesagt in Rüdesheim. Dort hielt Günther Kloss die Rechte an der Marke, nachdem er nach seiner Enteignung in den Westen gegangen war und am Rhein eine neue Sektkellerei gegründet hatte. Eine Begebenheit, die in die Firmenchronik einging, ist die Entwicklung des Mocca-Sektes. Rüdiger Pietz, der Leiter der Qualitätskontrolle, erfand diesen im Jahr 1971. Der Anlass war wohl eher ein Zufall: Er kühlte seinen Kaffee, der ihm zu heiß war, spontan mit einem Schluck Sekt. Nach einiger Forschungsarbeit entwickelte er daraus die „Mocca Perle“.

Investitionen in die Technik und Herrengedeck in einer Flasche

1971 zeigte sich, dass die Kapazität trotz der Großraumgärung im Transvasierverfahren nicht ausreichte. Daher erweiterten die Verantwortlichen die Anlage um zwei Hallen. Mit zusätzlichen technischen Investitionen erreichte die Produktion in den 80er Jahren einen Wert von mehr als 10 Millionen Litern, die in etwa 15 Millionen Flaschen abgefüllt wurden. Durch die Umstellung von der traditionellen Flaschengärung auf das Transvasierverfahren erweiterten die Hersteller das Sortiment. Neben den Sorten „Rotkäppchen Trocken“ und „Halbtrocken“ kamen zahlreiche neue Varianten hinzu. 1978 entwickelte sich eine abgewandelte Form des Herrengedecks, die Restaurants und Haushalte begeisterte: Forscher kombinierten Sekt und Pils und erschufen das Sekt-Pils. In den 80er Jahren boten die Hersteller durchschnittlich etwa 38 verschiedene Sektmarken pro Jahr an.

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Eine Flasche Sekt bis zu 23 Mark und der Einbruch nach der Wende

Schon 1987 erreichte die Kellerei mit 15,3 Millionen verkauften Flaschen ihren bisher höchsten Absatz. Kunden zahlten damals für eine Flasche Rotkäppchen Sekt zwischen 17 und 23 Mark und gönnten sich damit ein bisschen Luxus. Sekt galt zu dieser Zeit als Bückware, und nur diejenigen, die Glück hatten, konnten eine Flasche kaufen. Beziehungen spielten eine entscheidende Rolle, und so freuten sich auch Handwerker, die nach Feierabend mithalfen, über diese besondere Aufmerksamkeit. Nach der Wende brachen die Umsätze massiv ein. Die Kellerei verkaufte nur noch 7,1 Millionen Flaschen. Doch die Lage verschlechterte sich weiter: Im zweiten Halbjahr 1990 sank der Absatz auf lediglich 1,8 Millionen Flaschen. Das Unternehmen reagierte darauf, indem es die Belegschaft von 365 auf 205 Beschäftigte reduzierte.

Weitere Entlassungen und Kurzarbeit

Im Juni 1990 änderte das Unternehmen seine Rechtsform zur GmbH, wobei die Treuhand die Anteile übernahm. Um die Krise zu bewältigen, senkte die Geschäftsleitung den Preis – in Anpassung an ähnliche Produkte – auf acht DM und reduzierte die Belegschaft auf 66 Beschäftigte sowie vier Auszubildende. Anke Schertling, die seit 1984 bei Rotkäppchen in Freyburg als Leiterin der Herstellung arbeitet, erinnert sich an diese Zeit. „Es war eine schwere Zeit“, erzählt sie. „Wir hatten Kurzarbeit, produzierten nichts, weil wir genug auf Lager hatten. Die Kunden riefen keine Waren ab.“ Mit der Währungsunion übernahmen plötzlich Handelsketten den Einzelhandel und brachten ihre eigenen Waren mit. Sie sortierten alles aus, was noch aus DDR-Zeiten stammte. „Man musste erst einmal zusehen, dass man dort wieder hineinkommt. In der Zwischenzeit lief gar nichts“, berichtet Schertling. Die Mitarbeiter wollten sich jedoch nicht geschlagen geben. Sie besuchten Märkte, präsentierten den Sekt und machten deutlich: „Wir sind noch da!“

Investoren kamen und gingen

Anke Schertling erinnert sich: „Es gab mehrere Investoren, aber wir waren für sie nicht interessant.“ 1992 entschieden sich der neue Geschäftsführer Gunter Heise, der frühere technische Leiter, sowie die leitenden und langjährigen Mitarbeiter Jutta Polomski (Controlling), Dr. Lutz Lange, Ulrich Wiegel (Technik) und das Marketingtalent Hans-Jürgen Krieger aus Wiesbaden zu einer mutigen Initiative. Gemeinsam wollten sie das Unternehmen von der Treuhand kaufen. In der ersten Verhandlungsrunde fehlte ihnen jedoch das nötige Kapital, und sie konnten nur ihre privaten Ersparnisse einbringen. Heise ging sogar so weit, seinen roten Opel Kadett als Sicherheit bei der örtlichen Sparkasse zu hinterlegen. Auf einer Geburtstagsfeier lernte Heise schließlich den Unternehmer Harald Eckes-Chantré (u.a. Produzent von Hohes C) kennen. Dieser trat als Privatinvestor und Mehrheitseigentümer in das Unternehmen ein und ermöglichte so den Kauf. In der Folge steigerte das Unternehmen den Absatz auf 5,7 Millionen Flaschen.

Die Frau mit dem roten Kleid auf dem Bahnhof

Eine Marketingaktion in ganz Deutschland brachte dem Unternehmen den Durchbruch: 1995 erreichte Rotkäppchen Sekt in den neuen Bundesländern die Spitzenposition als meistverkaufter Sekt und schaffte es bundesweit unter die zehn absatzstärksten Marken. Die Verbraucher kauften im Jahr 1995 insgesamt 17 Millionen Flaschen. Dass Marketing wirkt, zeigte sich auch im Jahr 2000 mit einem neuen Werbespot. Die geheimnisvolle „Maria“ im roten Kleid überraschte ihren Liebsten am Bahnhof mit einer Flasche Sekt – eine legendäre Szene, die vielen im Gedächtnis blieb. Dieser Spot erinnerte die Verbraucher ganze 17 Jahre lang über das Fernsehen an ihren Lieblingssekt.

Neue Produkte und Erlebniswelt

Die Beliebtheit von Rotkäppchen erreichte Ende 2001 einen neuen Höhepunkt, als die Marke zur erfolgreichsten Sektmarke in Deutschland wurde. 2006 erweiterte das Unternehmen sein Angebot und brachte neben Sekt auch Rot- und Weißwein auf den Markt. Im November 2006 wagten die Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien einen bedeutenden Schritt in den Spirituosenmarkt und kauften das deutsche Geschäft der Eckes Spirituosen & Wein GmbH (ESW). Ein Jahr später nahmen sie traditionsreiche Marken wie die Weinbrände CHANTRÉ und Mariacron, den Kornbrand Echter Nordhäuser sowie den Likörklassiker Eckes Edelkirsch in ihr Sortiment auf. Gleichzeitig stärkte das Unternehmen konsequent die neu geschaffene Weinsparte. Im April 2014 erweiterten die Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien ihr Portfolio mit dem Neuprodukt Fruchtsecco. Im Jahr 2020 brachten sie Glühwein in drei Varianten heraus, darunter einen hellen Rotwein mit Aromen von Beeren, Mandarinen und Nelken. 2023 ergänzte das Unternehmen die Weinlinie um die Sorte Rot Lieblich. Vor zwei Jahren eröffnete die Rotkäppchen Erlebniswelt in Freyburg (Unstrut) nach einer zweijährigen Bauzeit ihre Tore. Das modern gestaltete Ausstellungserlebnis mit 50 Stationen auf 1.400 m² überrascht Fans und Genussinteressierte und bietet zahlreiche Gelegenheiten, selbst aktiv zu werden. Zwei Etagen wurden in den Kelleranlagen der historischen Sektkellerei aufwendig umgebaut. Auch der Zugang zu Deutschlands größtem hölzernen Cuvéefass wurde neu gestaltet.