Vom DDR-VEB zum Marktführer: Die bemerkenswerte Wiederauferstehung von Rotkäppchen Sekt
In der Kaufhalle oder im Konsum der DDR gab es einige Produkte nur als begehrte Bückware. Zu diesen zählte auch Rotkäppchen Sekt, ein Vorzeigeunternehmen, das heute eine beeindruckende Erfolgsgeschichte schreibt. Nach 1990 brach der Absatz massiv ein, zahlreiche Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Doch gegen alle Widrigkeiten hat sich das frühere DDR-Unternehmen zu einem Marktführer mit Milliardenumsatz entwickelt.
Historische Wurzeln und DDR-Zeit
Die Geschichte der Kellerei reicht bis ins Jahr 1856 zurück, als die Brüder Moritz und Julius Kloss sowie Carl Foerster im nördlichsten Weinbaugebiet Deutschlands, Saale-Unstrut, eine Weinhandlung eröffneten. Schnell stiegen sie in die Sektherstellung ein, füllten die ersten 6.000 Flaschen in einer Wohnung ab und errichteten 1887 ein neues Kellereigebäude, das noch heute als Herzstück dient. Seit 1894 trägt die Marke den Namen Rotkäppchen Sekt. In der DDR wurde das Unternehmen zum VEB Rotkäppchen Sektkellerei Freyburg und produzierte 1955 bereits 3.677 Hektoliter Sekt.
Innovationen prägten diese Ära: 1966 entwickelte Rotkäppchen einen Sekt für Diabetiker, und 1971 entstand durch einen Zufall der Mocca-Sekt, als der Leiter der Qualitätskontrolle seinen Kaffee mit Sekt kühlte. In den 1980er Jahren erreichte die Produktion über 10 Millionen Liter, abgefüllt in etwa 15 Millionen Flaschen. 1987 wurde mit 15,3 Millionen verkauften Flaschen der bisher höchste Absatz erzielt, wobei Kunden bis zu 23 Mark für eine Flasche zahlten – ein Luxusgut, das oft nur über Beziehungen erhältlich war.
Krise nach der Wende und mutiger Neuanfang
Nach der Wende brach der Umsatz dramatisch ein: 1990 sank der Absatz auf nur noch 1,8 Millionen Flaschen. Das Unternehmen reagierte mit drastischen Maßnahmen: Die Belegschaft wurde von 365 auf zunächst 205, später sogar auf 66 Beschäftigte reduziert, und Kurzarbeit wurde eingeführt. Anke Schertling, Leiterin der Herstellung, erinnert sich: „Es war eine schwere Zeit. Wir produzierten nichts, weil wir genug auf Lager hatten. Die Kunden riefen keine Waren ab.“ Handelsketten sortierten DDR-Produkte aus, und das Unternehmen kämpfte ums Überleben.
Doch die Mitarbeiter gaben nicht auf. Sie besuchten Märkte, präsentierten den Sekt und machten deutlich: „Wir sind noch da!“ 1992 wagten der neue Geschäftsführer Gunter Heise, langjährige Mitarbeiter und der Investor Harald Eckes-Chantré einen mutigen Schritt: Sie kauften das Unternehmen von der Treuhand, wobei Heise sogar seinen roten Opel Kadett als Sicherheit hinterlegte. Diese Initiative rettete die Kellerei vor dem Aus und legte den Grundstein für den Wiederaufstieg.
Marketinggenie und Expansion
Eine entscheidende Wende brachte eine Marketingaktion in den 1990er Jahren: 1995 erreichte Rotkäppchen Sekt in den neuen Bundesländern die Spitzenposition als meistverkaufter Sekt und schaffte es bundesweit unter die zehn absatzstärksten Marken. Der Absatz stieg auf 17 Millionen Flaschen. Legendär wurde der Werbespot von 2000 mit der geheimnisvollen „Maria“ im roten Kleid am Bahnhof, der 17 Jahre lang im Fernsehen lief und die Marke im Gedächtnis der Verbraucher verankerte.
Ende 2001 wurde Rotkäppchen zur erfolgreichsten Sektmarke in Deutschland. Das Unternehmen expandierte kontinuierlich: 2006 kamen Rot- und Weißweine hinzu, und 2006/2007 erfolgte der Einstieg in den Spirituosenmarkt mit dem Kauf des deutschen Geschäfts der Eckes Spirituosen & Wein GmbH, wodurch Marken wie CHANTRÉ und Echter Nordhäuser ins Portfolio gelangten. Weitere Innovationen wie Fruchtsecco (2014), Glühwein (2020) und Rot Lieblich (2023) festigten die Marktposition.
Heutige Erfolge und Zukunftsaussichten
Heute beschäftigt Rotkäppchen rund 1.000 Mitarbeiter an mehreren Standorten und erwirtschaftet einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro. Vor zwei Jahren eröffnete die Rotkäppchen Erlebniswelt in Freyburg nach zweijähriger Bauzeit – ein modernes Ausstellungserlebnis auf 1.400 m² mit 50 Stationen, das Fans und Genussinteressierte begeistert. Diese Attraktion unterstreicht den anhaltenden Erfolg und die Innovationskraft des Unternehmens.
Von der fast pleiten DDR-Marke zum Marktführer: Rotkäppchen Sekt hat eine bewegte Geschichte hinter sich, geprägt von Krisen, mutigen Entscheidungen und kreativem Marketing. Heute steht die Kellerei als Symbol für wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und kontinuierliche Weiterentwicklung in der deutschen Getränkebranche.



