DDR-Kultgebäck Russisch Brot: Warum in jeder Tüte zwei Buchstaben fehlen
Für Generationen in Ost und West ist Russisch Brot mehr als nur eine süße Leckerei. Es verkörpert Kindheitserinnerungen an Schulausflüge, Geburtstagsfeiern und gemütliche Kaffeestunden bei der Oma. Dieses besondere Gebäck mit seinen charakteristischen Buchstaben und Zahlen ist ein kulinarisches Erbe, das bis in die DDR-Zeit zurückreicht. Während im Westen Deutschlands die Firma Bahlsen die Produktion übernahm, war es in der DDR ein Unternehmen aus Dresden, das die süßen Köstlichkeiten herstellte. Doch wer eine Tüte Russisch Brot öffnet und genau hinsieht, wird feststellen: Zwei entscheidende Buchstaben sucht man vergeblich.
Die historischen Wurzeln des Buchstabengebäcks
Die Geschichte des Russisch Brots, wie wir es heute kennen, begann im 19. Jahrhundert. Der Dresdner Bäcker Ferdinand Friedrich Wilhelm Hanke entdeckte das Rezept für die süßen Buchstaben vermutlich während seiner Lehrjahre in St. Petersburg. In Russland ist diese Leckerei als Bukwy bekannt, was das kyrillische Wort für Buchstaben bedeutet. Hanke war von den kleinen Köstlichkeiten so fasziniert, dass er sie nach seiner Rückkehr nach Dresden als Erster in Deutschland herstellte und populär machte.
Um 1844 eröffnete Hanke schließlich in Dresden seine Deutsche & Russische Bäckerei. Dort brachte er erstmals das bisher unbekannte Gebäck mit lateinischen Buchstaben auf den Markt und legte damit den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert.
Die Geheimnisse der Produktion
Die Herstellung von Russisch Brot erfordert ein präzises und durchdachtes Vorgehen. Auf der Internetseite der Firma Dr. Quendt GmbH & Co. KG, die seit 1991 das Gebäck nach dem Originalrezept produziert, wird der aufwendige Prozess beschrieben. Das Rezept kombiniert sorgfältig ausgewählte Zutaten wie Zucker, Weizenmehl, Karamellzuckersirup, Hühnereieiweißpulver und geröstetes Roggenmalzmehl.
Der Produktionsablauf beginnt damit, dass Mitarbeiter Eiweiß aufschlagen und es mit Zucker verquirlen, um eine luftige Basis zu schaffen. Anschließend wird diese Basis behutsam mit den restlichen Zutaten vermengt, bis eine zähflüssige Masse entsteht. Spezielle Maschinen formen diese Masse, indem sie sie über Walzen in die charakteristischen Buchstabenformen pressen. In einer 25 Meter langen Backstraße backen die Hersteller das Russisch Brot bei unterschiedlichen Temperaturen, wodurch das Gebäck seine glatte, glänzende Oberfläche und die unverkennbare Konsistenz erhält.
Das Rätsel der fehlenden Buchstaben
Ein detailreiches Kapitel der Russisch-Brot-Geschichte beschäftigt sich mit den fehlenden Buchstaben M und W. Diese beiden Buchstaben brechen besonders leicht während des Produktionsprozesses, weil ihre Größe und Form sie anfällig machen. Dr. Quendt hat dafür jedoch eine clevere Lösung gefunden: Alle, die einen dieser Buchstaben benötigen, können diese aus spiegelverkehrten Einsen formen.
Wer trotzdem nicht auf die Buchstaben M und W in einem Guss verzichten möchte, kann auf das ABC Russisch Brot von Bahlsen zurückgreifen. Dieses Unternehmen stellt seit 1904 eine Sorte mit Großbuchstaben her, die beide Buchstaben enthält. Dennoch bleibt das Originalrezept von Dr. Quendt mit seiner charakteristischen Zusammensetzung und dem Verzicht auf die empfindlichen Buchstaben ein Markenzeichen.
Vom DDR-Betrieb zum modernen Unternehmen
Die Ursprünge der heutigen Dr. Quendt GmbH reichen bis ins Jahr 1876 zurück, als die Original Wiener Waffel-, Hohlhippen-, Bisquit- etc. Special-Fabrik in der Kaitzer Straße in Dresden-Plauen ihren Betrieb aufnahm. Nach mehreren Besitzerwechseln und der Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs wurde das Unternehmen wieder aufgebaut.
Im Jahr 1959 begann die Firma mit der industriellen Produktion von Russisch Brot. 1972 zwangen die politisch Verantwortlichen das Unternehmen zur Verstaatlichung und änderten dessen Namen in VEB RUBRO, eine Abkürzung für Russisch Brot. In den 1980er Jahren beauftragte der VEB Elite Dauerbackwaren ein Dresdner Ingenieurbüro, eine Produktionsanlage für Russisch Brot zu entwickeln. Dr. Hartmut Quendt und seine Brigade testeten die neue Anlage erstmals 1988.
Durch die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen der Wendezeit blieb die Anlage jedoch ungenutzt und drohte verschrottet zu werden. Dr. Hartmut Quendt rettete die Dauerbackanlage, lagerte sie zunächst privat ein und wagte 1991 den Schritt in die Selbstständigkeit. Gemeinsam mit 13 Mitarbeitern gründete er die Dr. Quendt Backwaren GmbH in der Kaitzer Straße und nahm kurz darauf die Anlage in Betrieb.
Innovation und Tradition im Einklang
Heute stellt Dr. Quendt neben dem klassischen Russisch Brot auch Dresdner Christstollen und Dresdner Dominosteine her. Das Unternehmen hat sein traditionelles Sortiment um zahlreiche saisonale und thematisch angepasste Varianten erweitert. Dazu zählen:
- Die Winteredition mit feiner Gewürznote
- Eine Bio-Variante für gesundheitsbewusste Verbraucher
- Die Sorte Cassis mit Schwarzer Johannisbeere
- Kokos mit gerösteten Kokosraspeln
- Eine erfrischende Zitronenvariante
- Saisonale Editionen wie die Valentinstag-Variante mit Himbeerpüree
Nach dem Tod von Herbert Wendler übernahm Dr. Matthias Quendt die Firma, die seit 2018 Teil der Lambertz-Firmengruppe ist. In diesem Jahr begeht die Marke Dr. Quendt ihr 35. Jubiläum. Derzeit arbeiten rund 105 feste Mitarbeiter in dem Unternehmen, und die einst entwickelte Produktionsanlage ist noch immer in Betrieb.
Russisch Brot für Hobbybäcker
Für alle, die das Kultgebäck selbst herstellen möchten, gibt es im Internet zahlreiche Rezepte. Hobbybäcker können den Teig aus Eiweiß, Zucker, Vanillezucker, Kakao, Mehl und einer Prise Salz in einen Spritzbeutel geben und anschließend Buchstaben und Zahlen auf dem Backblech formen. Nach einer Ruhezeit von 15 Minuten wird das Blech in den auf 170 Grad vorgeheizten Ofen geschoben, wo das Gebäck für etwa 15 Minuten backt.
Russisch Brot der Firma Dr. Quendt ist heute in vielen Supermärkten und Drogeriegeschäften erhältlich und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Es bleibt ein Stück lebendige Geschichte, das Generationen verbindet und mit seiner einzigartigen Geschichte und den fehlenden Buchstaben M und W immer wieder für Gesprächsstoff sorgt.



