Tönnies schließt legendäres Eberswalder Wurstwerk in Brandenburg
Tönnies schließt Eberswalder Wurstwerk in Brandenburg

Das Ende einer Ära: Eberswalder Wurstwerk in Britz schließt nach Jahrzehnten

Die historischen Eberswalder Fleischwerke im brandenburgischen Britz, die zu DDR-Zeiten mit 3.000 Beschäftigten als größte Fleischfabrik Europas galten, stehen vor dem endgültigen Aus. Nach offizieller Bestätigung durch die EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG wird die Produktion am Standort Britz in der Gemeinde Barnim zum 28. Februar 2026 eingestellt.

Wirtschaftliche Gründe zwingen zur Schließung

Ein Unternehmenssprecher begründete die Entscheidung mit den schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: "Leider mussten wir feststellen, dass es unter den gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine realistische Perspektive gibt." Konkret nannte das Unternehmen mehrere Faktoren, die zur Schließung führten:

  • Sinkende Verkaufszahlen bei gleichzeitig hohem Preisdruck
  • Zunehmende ausländische Konkurrenz auf dem Fleischmarkt
  • Steigende Kosten für Löhne, Energie, Transport und Materialien
  • Notwendige Investitionen in Kälteanlagen und Modernisierungen

Die wirtschaftliche Situation habe sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert, sodass langfristige Refinanzierungsmöglichkeiten nicht mehr gegeben seien.

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Sozialer Konflikt um Abfindungen

Rund 500 Mitarbeiter verlieren durch die Schließung ihre Arbeitsplätze. Zwar haben sich Unternehmensführung und Betriebsrat nach intensiven Verhandlungen auf einen Interessensausgleich und Sozialplan geeinigt, doch die konkreten Abfindungsregelungen sorgen für erhebliche Kritik.

Uwe Ledwig, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten im Landesbezirk Ost, äußerte sich deutlich: "Die Art und Weise macht es noch schlimmer: Die Leute nach 45 Jahren mit 15.000 Euro brutto nach Hause zu schicken, das ist unterste Schublade und eines Milliardärs unwürdig."

Die Mitarbeiter erhalten demnach ein Viertel eines Bruttomonatsgehalts je Beschäftigungsjahr. Ledwig, der den Standort seit 1991 kennt, kritisiert: "Damit wird die Abfindung für langjährig Beschäftigte und ein Drittel der ehemaligen Werkvertragsarbeiter de facto halbiert."

Markenstreit mit regionalem Bezug

Besonders brisant ist der anhaltende Konflikt um die Markenrechte. Die Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg (IHK) beansprucht die Eigentümerschaft an der Kollektivmarke "Eberswalder Würstchen", die seit 1987 existiert und regionale Produktion sowie Tradition schützen soll.

Die IHK, die seit 1995 Eigentümerin der Marke ist, stellt sich entschieden gegen die Pläne der Tönnies-Gruppe, die Produktion außerhalb Brandenburgs fortzusetzen. Ein Sprecher der Kammer betonte: "Diese kann nach Ansicht der IHK Ostbrandenburg nicht losgelöst von der Kollektivmarke 'Eberswalder Würstchen' an anderen Produktionsorten verwendet werden."

Produktionsverlagerung und Zukunft der Marke

Die traditionsreiche Marke "Eberswalder", die in den 1970er Jahren gegründet wurde und heute zur Tönnies-Gruppe gehört, soll trotz der Schließung in Britz weiterbestehen. Die Produktion wird an drei alternative Standorte verlagert:

  1. Chemnitz in Sachsen
  2. Suhl in Thüringen
  3. Zerbst in Sachsen-Anhalt

Die Marke ist vor allem in ostdeutschen Supermärkten fest etabliert und soll dort auch künftig vertreten bleiben. Die Verlagerung der Produktion bedeutet jedoch das endgültige Aus für den historischen Standort in Britz, der über Jahrzehnte die regionale Wirtschaft prägte.

Die Stimmung unter den verbleibenden Mitarbeitern ist nach Berichten der FAZ niedergeschlagen. Betriebsratsvorsitzende Steffi Kietzmann-Urbach resümierte: "Die Hoffnung war groß, als die Zur Mühlen Gruppe das Werk übernommen hat." Nun endet eine Ära der Fleischverarbeitung in Brandenburg, die einst europäische Maßstäbe setzte.

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