Das Verrückteste war der Affe im Hut. Christine Straß erinnert sich noch genau daran, wie selbstverständlich der Passagier durch die Flughafenkontrolle spazierte – obwohl aus seinem Hut ein Affenschwanz ragte. Damals forderte die Zollbeamtin den Mann auf, die Kopfbedeckung abzusetzen. „Darunter saß ein Äffchen. Es ist erstaunlich, wie dreist manche Tierschmuggler sind“, sagt die Zollbeamtin und schüttelt den Kopf.
Christine Straß ist Zollbeamtin. Seit mehr als 40 Jahren arbeitet sie am größten Flughafen des Landes in Frankfurt am Main. Täglich sind hier rund 170.000 Reisende mit Zehntausenden Gepäckstücken unterwegs. Aufgabe des Zolls ist es, dafür zu sorgen, dass keine verbotenen Gegenstände ins Land geschmuggelt werden. Das können Waffen oder Drogen sein, aber auch Pflanzen oder Tiere, die unter Artenschutz stehen.
Hinter den Kulissen der Gepäckkontrolle
Soeben ist ein Flugzeug aus der Dominikanischen Republik gelandet. Was die Passagiere nicht wissen: Ihre Koffer, die gleich auf dem Gepäckband liegen werden, wurden bereits kontrolliert. „Beim Zoll passiert viel hinter den Kulissen. Wenn Flieger aus bestimmten Risikogebieten kommen, wird das Gepäck direkt nach der Landung geprüft“, sagt Christine Straß. Flugzeuge aus Afrika und Südamerika sind für den Zoll besonders interessant, weil Felle, Elfenbein oder Schlangenleder an Bord sein können. Manchmal bekommt der Zoll auch einen anonymen Hinweis, dass sich Schmuggelware in einer Maschine befindet.
Bei dem soeben gelandeten Flugzeug aus der Dominikanischen Republik ist das zwar nicht der Fall. Doch von der Karibikinsel werden oft Riesenmuscheln nach Deutschland gebracht. Im Durchschnitt beschlagnahmt der Frankfurter Zoll zweimal pro Tag artengeschützte Tiere oder Pflanzen. Nicht alle werden absichtlich über die Grenze geschmuggelt: „Viele Touristen sind völlig ahnungslos, dass sie ein verbotenes Souvenir aus dem Urlaub mitgenommen haben“, sagt Christine Straß.
Unerlaubte Lebensmittel und kreative Verstecke
Auch unerlaubte Lebensmittel aus anderen Kontinenten werden oft versehentlich mitgebracht: etwa Schafskäse aus der Türkei, Salami aus Argentinien oder Früchte aus den Tropen. Sie sind verboten, weil damit Krankheitserreger ins Land kommen könnten. Wenn der Zoll solche Produkte entdeckt, landen sie in den Tonnen an der Kontrollstelle hinter der Gepäckhalle. Rund um die Uhr stehen hier Zollbeamtinnen und -beamten, die überprüfen, ob wirklich nichts über die Grenze geschmuggelt wird.
Heute ist dafür Zollhauptsekretärin Lina Müller zuständig, die eigentlich anders heißt, aber lieber anonym bleiben möchte. Linas Aufgabe ist es, die Passagiere zu beobachten, die mit ihrem Gepäck den Flughafen verlassen. An Lina Müllers Uniform sind neben Gummihandschuhen und einer Taschenlampe auch Handschellen, eine Art Pfefferspray und eine Dienstwaffe befestigt. „Für den Fall, dass jemand aggressiv wird und mich angreift“, sagt Lina Müller. Zum Glück passiere das selten. „Die meisten Leute sind nur müde vom Flug“, erzählt die 25-jährige Zollbeamtin.
Wenn ihr etwas verdächtig vorkommt, spricht sie die Reisenden an. Manche Gepäckstücke lässt sie anschließend per Röntgengerät durchleuchten. Das kann Sperrgepäck sein, unförmig oder in Folie eingeschweißt, aber auch ein vermeintlich unauffälliger Geschäftskoffer. Auf dem Bildschirm des Röntgengeräts werden bestimmte Materialien farblich angezeigt: Weiche Stoffe lassen die Strahlen eher durch, das Gerät erkennt das und färbt diese Sachen auf dem Bildschirm orange. Harte Materialien wie Plastik oder Metall nehmen die Strahlungen besser auf und werden grün-blau dargestellt. „Dieses Gerät erkennt alles. Auch versteckte Zigarettenschachteln im doppelten Kofferboden oder Muscheln, die in Kleidung eingewickelt sind“, sagt die Zollbeamtin.
Auch ihre Kollegin Christine Straß weiß, wie kreativ die Verstecke der Schmuggler oft sind. Bargeld in Überraschungseiern, Drogen in Haarspray-Dosen, Goldschmuck in Babywindeln oder ein Raubtierzahn in einem Spülschwamm.
Das Gruselkabinett im Untergeschoss
Einer der kuriosesten Funde der vergangenen Jahre war ein Eisbärfell in einem Rollkoffer. „Sorgfältig zusammengerollt, mit großem Kopf“, so beschreibt ihn Christine Straß. „Wir haben ihn beschlagnahmt und bewahren ihn nun in der Asservatenkammer auf.“ Der Raum befindet sich im Untergeschoss des Frankfurter Flughafens. Hier sind die Flure leer, eine Glühbirne flackert. Christine Straß dreht den Schlüssel im Schloss. „Willkommen im Gruselkabinett“, sagt sie und öffnet die Tür.
Der Blick fällt zuerst auf den Puma. Überlebensgroß und ausgestopft steht er in der Mitte des Raums. „Dieses Tier wurde per Post verschickt, in einem riesigen Paket“, sagt Christine Straß. Beschlagnahmt wurde der Puma im Luftpost-Zentrum des Zolls, in dem Pakete aus dem Ausland auf Schmuggelware kontrolliert werden. Denn immer mehr Menschen bestellen Schlangenhaut, Haipulver oder eingelegte Skorpione im Internet – per Mausklick und für viel Geld. Um sicherzustellen, dass solche verbotenen Bestellungen nicht ankommen, werden sie in der Asservatenkammer aufbewahrt.
Das zweitgrößte ausgestopfte Tier im Raum ist ein Gepard. Seine Glasaugen reflektieren das grelle Deckenlicht. Daneben liegt ein Elefantenohr, so groß wie ein Kinderfahrrad. Giraffenfelle in verschiedenen Größen, das Gebiss eines Hais, diverse Löwenzähne. In einer Ecke stehen Handtaschen und Stiefel aus Krokodilleder, weiter hinten hängt ein Mantel aus Leopardenfell. Außerdem: Pulver aus zermahlenen Haiflossen und Tropfen aus Bärengalle. „In einigen Ländern gelten solche Tropfen als Wundermittel. Kriminelle verdienen damit auf dem Schwarzmarkt viel Geld“, sagt Straß.
Kuriose Gegenstände und ihre Geschichten
In den Regalen befinden sich eine ausgestopfte Echse, die eine Pfeife hält, ein Zebrahuf, der zum Bücherhalter umfunktioniert wurde, und ein bolivianisches Gürteltier, umgebaut zum Musikinstrument. „Ich werde niemals verstehen, warum Menschen so etwas machen. Es ist so bedrückend“, sagt Christine Straß.
Was erlaubt ist und was nicht, regelt das Washingtoner Artenschutzabkommen. Wer es missachtet, dem drohen hohe Strafen. Auf den Schmuggel artengeschützter Tiere, ob lebendig oder ausgestopft, stehen Strafen bis zu 50.000 Euro oder fünf Jahre Gefängnis. „Doch das hält Kriminelle nicht davon ab, immer wieder den Zoll täuschen zu wollen – und Tiere unnötig leiden und sterben zu lassen“, sagt Christine Straß.
Ein Lichtblick: Gerettete Tiere
Doch hin und wieder können geschmuggelte Tiere auch gerettet werden. Etwa die fünf Meeresschildkröten-Eier, die eine Frau vor Jahren nach Deutschland schmuggeln wollte. Die Eier wurden damals im Frankfurter Zoo ausgebrütet. Kurze Zeit später wurden die geschlüpften Baby-Schildkröten zurück auf die Seychellen gebracht und dort ausgewildert. „Das ist das Schöne an unserem Job“, sagt Christine Straß. „Wir können dazu beitragen, dass solche seltenen Tierarten besser geschützt werden. Das macht Hoffnung!“



