Soziale Medien: Frühe Accounts schaden Schulleistungen
Soziale Medien: Frühe Accounts schaden Schulleistungen

Schülerinnen und Schüler, die bereits in jungen Jahren eigene Profile in sozialen Netzwerken besitzen, erzielen später in Schultests messbar schlechtere Ergebnisse als Gleichaltrige, die erst später online aktiv werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung, die im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ veröffentlicht wurde. Die frühe Nutzung von Plattformen wie Facebook, TikTok oder Instagram kann demnach innerhalb weniger Schuljahre zu Lernrückständen führen, die mit dem Verpassen von mehr als einem halben Jahr Unterricht vergleichbar sind.

Italienische Studie mit über 5000 Schülern

Für die Analyse befragte ein Forschungsteam um den Sozialwissenschaftler Marco Gui von der Universität Mailand-Bicocca mehr als 5000 Schülerinnen und Schüler an 28 Schulen in Norditalien. Die Jugendlichen wurden in den Jahren 2023 und 2024 unter anderem danach gefragt, wann sie ihre ersten eigenen Social-Media-Accounts anlegten und wie intensiv sie die Plattformen nutzen. Zudem wurden ihre Testergebnisse in den Fächern Italienisch, Mathematik und Englisch erfasst.

Die Forschenden verglichen anschließend Schülerinnen und Schüler, die bereits mit zehn oder elf Jahren einen eigenen Account hatten, mit solchen, die erst später Zugang zu den Plattformen bekamen. Dabei berücksichtigten sie auch Faktoren wie den familiären Hintergrund, um möglichst vergleichbare Gruppen zu erhalten. Auf diese Weise ließ sich der Einfluss des Einstiegsalters auf die schulischen Leistungen isolieren.

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Deutliche Lernrückstände in Italienisch und Mathe

Die Ergebnisse zeigen: Wer schon in der sechsten Klasse in sozialen Netzwerken aktiv ist, hat bis zur zehnten Klasse in Italienisch und Mathematik erhebliche Lernrückstände. Diese sind laut den Autoren so groß, als hätten die betroffenen Schülerinnen und Schüler mehr als ein halbes Schuljahr Unterricht verpasst. Die Leistungen im Fach Englisch blieben dagegen unbeeinflusst.

Als mögliche Erklärung für diesen Ausreißer führen die Forschenden die große Menge englischsprachiger Inhalte auf den Plattformen an. Diese könnten eine Art informelles Lernen ermöglichen, das die negativen Effekte in Fächern wie Italienisch und Mathematik teilweise ausgleiche. Allerdings konnten sie keinen Lernvorsprung der Schülerinnen und Schüler mit Social-Media-Accounts im Fach Englisch nachweisen.

Hauptursache: intensive Smartphone-Nutzung

Das Forschungsteam sieht die Hauptursache für die Lernrückstände in der intensiven Smartphone-Nutzung der Jugendlichen zu entscheidenden Zeitpunkten des Tages. „Ein wesentlicher Teil der negativen Effekte geht auf die intensive Smartphone-Nutzung der Schüler in entscheidenden Momenten des Tages zurück“, schreiben Gui und seine Kolleginnen und Kollegen. Damit meinen sie vor allem die Zeit unmittelbar vor dem Einschlafen, direkt nach dem Aufwachen und während der Hausaufgaben.

Obwohl Handys im Unterricht in den meisten Schulen verboten sind, wirken sich diese Ablenkungsphasen außerhalb des Klassenzimmers deutlich auf die Lernleistung aus. Die ständige Erreichbarkeit und der Reiz der sozialen Medien verhindern offenbar, dass sich die Jugendlichen auch in ihrer Freizeit ausreichend auf schulische Inhalte konzentrieren können.

Experten loben Methodik, sehen aber Grenzen

Klaus Zierer, Schulpädagoge an der Universität Augsburg, bewertet die Studie positiv. „Die vorliegende Studie gehört methodisch zu den interessantesten, die bislang in diesem Kontext veröffentlicht wurden“, sagte er dem Science Media Center. Zwar ließen sich die Ergebnisse nicht so interpretieren, dass alle Effekte ausschließlich auf das Alter bei der Erstellung des ersten Accounts zurückzuführen seien. Aber die Untersuchung zeige Zusammenhänge, „die nicht zufällig sind“.

Zierer sieht in den Ergebnissen wichtige Argumente für eine Regulierung des Social-Media-Konsums von Kindern. „Es kann nicht im Interesse einer Bildungspolitik sein, den schon massiv um sich greifenden Bildungsnotstand bei den Lernleistungen durch einen unregulierten Social-Media-Konsum weiter zu befeuern.“ Die Studie liefere zwar keine konkreten Altersgrenzen, aber sie weise darauf hin, „dass ein früher Social-Media-Konsum schädlicher wirkt als ein späterer“.

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Kritik an der Methode

María Paz Prendes Espinosa, Bildungsforscherin an der Universität Murcia in Spanien, äußert jedoch Zweifel an der Belastbarkeit der Ergebnisse. Sie kritisiert, dass die Daten ausschließlich auf Befragungen beruhen. „Kann sich ein Teenager genau daran erinnern, wie viel Zeit er in der Grundschule mit seinem Smartphone verbracht und was er dabei gemacht hat?“, fragt sie. Die Selbstauskunft sei ein „stark limitierender Ansatz“.

Zudem sei unklar, ob der verwendete Fragebogen unabhängig begutachtet wurde. Zwar sei die Stichprobe mit mehr als 5000 Schülern groß, aber die alleinige Abhängigkeit von Erinnerungen der Jugendlichen sei die größte Schwäche der Untersuchung. Prendes Espinosa betont dennoch die Bedeutung der Studie: „Die wichtigste Erkenntnis ist, dass soziale Medien schon von klein auf Teil unserer Realität sind.“ Sie hält Verbote für den falschen Weg: „Wenn wir unsere Jugendlichen vor den potenziellen Risiken der Technologie schützen wollen, müssen wir sie darauf vorbereiten, in einer von Technologie geprägten Gesellschaft zu leben.“

Implikationen für Politik und Pädagogik

Das Autorenteam selbst weist darauf hin, dass die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden sollten. Dennoch sehen sie „wichtige Implikationen für Pädagogen, Eltern und politische Entscheidungsträger“. Sie empfehlen, Leitlinien und Programme zur digitalen Kompetenz an Schulen zu etablieren, um bei jungen Schülern und ihren Eltern – insbesondere aus benachteiligten Verhältnissen – das Bewusstsein für die möglichen Auswirkungen sozialer Medien zu schärfen.

Darüber hinaus fordern sie eine Regulierung der Interaktionsmechanismen von Plattformen, die bereits von Minderjährigen genutzt werden. Zu Altersbeschränkungen äußern sie sich zurückhaltend, aber vielsagend: „Kurzfristig könnten Maßnahmen von Vorteil sein, die den Zugang zu sozialen Medien so lange unterbinden, bis Kinder kognitiv reif genug sind, um mit den potenziellen Ablenkungen umzugehen.“

Die Debatte über Mindestalter für Social-Media-Konten wird in vielen europäischen Ländern, auch in Deutschland, intensiv geführt. Die Ergebnisse der Studie liefern nun empirische Daten, die in diese Diskussion einfließen können. Ob sie letztlich zu politischen Entscheidungen führen, bleibt abzuwarten.