Vermögensungleichheit in Deutschland: Warum sie die Gesellschaft spaltet
Vermögensungleichheit spaltet Deutschland

Der neue World Wealth Report offenbart eine wachsende Kluft: In Deutschland leben rund 1,8 Millionen Millionäre, elf Prozent mehr als im Vorjahr. Ihr Vermögen stieg um 12,7 Prozent und damit deutlich schneller als das der Reichen weltweit (8,7 Prozent). Während die Wirtschaft stagniert und die Reallöhne auf dem Niveau von 2019 verharren, konzentriert sich der Wohlstand bei den ohnehin Vermögenden.

Die Brandmauer der Reichen

Angesichts von Klimakrise, Kriegen und einer bei 27 Prozent stehenden AfD bauen viele Vermögende eine eigene „Brandmauer“: Sie bringen ihr Vermögen in Sicherheit, um es vor den gesellschaftlichen Bränden zu schützen. Populisten schüren diese Feuer, indem sie auf die wachsende Ungleichheit und die mangelnde Aufstiegschancen der unteren Schichten abzielen.

Ein zentraler Akteur in diesem System ist die Stiftung Familienunternehmen, die einflussreichste Lobby der großen Vermögen. Ihr erklärtes Ziel ist es, höhere Steuern zu verhindern. Dieses Ziel verfolgt sie mit zweifelhaften Methoden.

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Das doppelte Spiel der Lobby

Die Stiftung Familienunternehmen gründete 2021 eine zweite, nicht gemeinnützige Stiftung („Stiftung Familienunternehmen und Politik“) für reine Lobbyarbeit, während die gemeinnützige Mutter steuerfrei bleibt. Diese Konstruktion ist legal, aber heuchlerisch: Die Lobby argumentiert gegen eine Erhöhung der Erbschaftsteuer, die de facto kaum gezahlt wird.

Laut Statistischem Bundesamt wurden von 2021 bis 2024 nur 105 Fälle der Verschonungsbedarfsprüfung genutzt. Statt der fälligen Steuer von 7,83 Milliarden Euro flossen lediglich 465 Millionen Euro. Allein 2023 wechselten in 26 Fällen rund sechs Milliarden Euro den Besitzer – die effektive Steuer lag bei 0,1 Prozent. „Das ist alles legal, aber ein doppeltes Spiel, wenn man gleichzeitig droht, eine höhere Erbschaftsteuer würde Unternehmen dem Tode weihen“, kommentiert Felix Oldenburg, Autor und CEO des Stiftungs-Start-ups Bcause.

Die wachsende Vermögensschere

Die Lobby behauptet, die Ungleichheit sei seit 2010 gesunken – basierend auf Befragungen, die die extreme Spitze nicht erfassen. Tatsächlich wachsen große Vermögen massiv: Nach Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) legten sie seit 2008 um 69 Prozent zu. Oldenburg warnt: „Das Gefühl, wirtschaftlich abgehängt zu sein, ist genau der Treibstoff antielitärer, populistischer Bewegungen.“

Die politischen Debatten verlaufen nicht mehr entlang der Links-Rechts-Achse, sondern zwischen denen, deren Vermögen sich von selbst vermehrt, und denen, für die der Aufstieg schwerer ist als für jede Generation zuvor.

Eine neue Strategie: die Brandschneise

Statt immer höherer Mauern plädiert Oldenburg für eine „Brandschneise“: „Es gibt eine ältere, bessere Strategie als immer höhere Mauern: die Brandschneise. Ein Streifen, freigeräumt, damit die Flammen nicht überspringen.“ Die nächste Generation in vielen Unternehmerfamilien erkenne die rhetorischen Strohmänner und Halbwahrheiten und denke um. In Gesprächen mit Vermögenden höre er seit Jahren denselben Wunsch: nach einer Stimme, die für eine lebenswerte, ökologische und gerechtere Zukunft eintritt.

Schon mit einem Prozent aller Vermögen pro Jahr ließen sich wesentliche Probleme lösen – bei zehn Prozent Wachstum sei das möglich. Oldenburg ruft zu einem neuen Geben auf: „Die Generation, die jetzt die Vermögen übernimmt, kann dem Feuer sein Futter nehmen: Chancen für alle schaffen, mit positiver Wirkung investieren, spenden, weitergeben, umverteilen.“

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