Die Bundesregierung plant eine der massivsten Kürzungen einer Sozialleistung der letzten Jahrzehnte: Das Wohngeld soll drastisch reduziert werden. Exklusive Daten, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen, wer künftig mit deutlich weniger Geld auskommen muss. Besonders betroffen sind Familien mit Kindern.
Mehr als die Hälfte der Empfänger sind Kinder
Laut den Daten des Statistischen Bundesamtes leben in fast 60 Prozent der Wohngeldhaushalte Kinder. Das bedeutet, dass von der geplanten Kürzung vor allem Minderjährige betroffen sein werden. Insgesamt beziehen rund 1,2 Millionen Haushalte Wohngeld, davon etwa 700.000 mit Kindern. Die durchschnittliche Kürzung pro Haushalt soll bei rund 50 Euro im Monat liegen, was einer Reduzierung von etwa 15 Prozent entspricht.
Kürzung trifft einkommensschwache Familien besonders hart
„Die geplante Kürzung ist ein herber Schlag für einkommensschwache Familien“, sagt die Sozialexpertin Dr. Anna Müller vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Viele dieser Haushalte sind ohnehin am Existenzminimum. Jeder Euro weniger kann bedeuten, dass das Geld für Heizung oder Lebensmittel nicht reicht.“ Die Regierung begründet die Kürzung mit Einsparungen im Bundeshaushalt. Das Wohngeld soll um insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro jährlich gekürzt werden.
Städte und Gemeinden schlagen Alarm
Der Deutsche Städtetag warnt vor den Folgen. „Die Kürzung des Wohngeldes wird die Kommunen vor große Herausforderungen stellen“, sagt Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy. „Viele Familien werden auf zusätzliche Sozialleistungen angewiesen sein, was die Städte finanziell belastet.“ Zudem befürchten Experten, dass die Kürzung zu einer Zunahme von Wohnungslosigkeit führen könnte. Bereits jetzt gelten rund 200.000 Haushalte in Deutschland als wohnungslos.
Kritik von Opposition und Verbänden
Die Opposition im Bundestag übt scharfe Kritik an den Plänen. „Die Regierung spart auf dem Rücken der Schwächsten“, sagt die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Katja Kipping. „Kinder dürfen nicht die Leidtragenden einer verfehlten Haushaltspolitik sein.“ Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband fordert die Regierung auf, die Kürzung zurückzunehmen. „Wohngeld ist eine zentrale Säule der sozialen Sicherung“, sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. „Eine Kürzung wäre ein schwerer Fehler.“
Betroffene Familien berichten
Die alleinerziehende Mutter Lisa Schmidt aus Berlin erhält monatlich 200 Euro Wohngeld. „Wenn das gekürzt wird, muss ich vielleicht meine Wohnung aufgeben“, sagt sie. „Ich weiß nicht, wie ich dann noch die Miete bezahlen soll.“ Sie arbeitet als Pflegekraft und verdient knapp über dem Mindestlohn. „Ich bin jeden Tag auf der Arbeit und trotzdem reicht es nicht. Das ist frustrierend.“
Wie es weitergeht
Das Gesetz zur Kürzung des Wohngeldes soll im September vom Bundestag verabschiedet werden. Die Regierung hofft, dass die Einsparungen ab Januar 2027 wirksam werden. Ob es noch Änderungen geben wird, ist unklar. Die Opposition hat angekündigt, das Gesetz im Bundesrat zu blockieren. Dort haben die Länder ein Vetorecht, da es sich um ein Zustimmungsgesetz handelt.



