Giftige Gefahr im Paket: Verbraucherschützer schlagen Alarm
Die Verbraucherzentrale Bayern warnt eindringlich vor gesundheitsgefährdenden Giftstoffen in Billigprodukten, die von chinesischen Online-Händlern wie Temu, AliExpress und Shein angeboten werden. Die verlockend günstigen Preise verleiten immer mehr Verbraucher zum Kauf, doch die Risiken für die Gesundheit sind erheblich, wie bayerische Verbraucherschützer jetzt deutlich machen.
Marktanteile explodieren – Sicherheitsstandards sinken
Die Online-Händler aus Drittländern entwickeln sich in kürzester Zeit zu wahren Marktgiganten. AliExpress konnte seinen Nutzeranteil in Deutschland von sieben Prozent im Jahr 2022 auf beeindruckende 14 Prozent im Jahr 2025 verdoppeln. Das erst seit Kurzem hierzulande aktive Temu ist im vergangenen Jahr sogar direkt mit einem Marktanteil von 27 Prozent eingestiegen. Ihre Strategie ist einfach: Sie verkaufen so ziemlich alles zu Schnäppchenpreisen.
Doch diese Preise haben ihren Preis: Ende vergangenen Jahres hat Stiftung Warentest 162 Produkte von Shein und Temu geprüft und dabei festgestellt, dass zwei Drittel der Artikel nicht die EU-Standards erfüllen. Die Bluetooth-Box sollte kein Feuer fangen und in der Kette für die Freundin hat auch bereits in geringen Mengen giftiges Schwermetall nichts zu suchen. Kurzum: Die Produkte sind gefährlich.
93 Prozent der Verbraucher gehen von Sicherheit aus
Anlässlich des Weltverbrauchertags hat die Verbraucherzentrale Bayern Politiker und Experten für Handel und Produktsicherheit in München versammelt, um über die teils unsichtbare Gefahr aufzuklären. Eine repräsentative Forsa-Umfrage zeigt ein alarmierendes Bild: In Deutschland gehen 93 Prozent der Verbraucher davon aus, dass die auf Online-Marktplätzen angebotenen Produkte sicher sind und den gesetzlichen Anforderungen entsprechen.
„Ausgehend von dieser Erwartungshaltung vergleichen Verbraucher vor allem Preise – wer macht das bessere Angebot?“, erklärt ein Sprecher der Verbraucherzentrale. Wenn das scheinbar selbe Produkt bei Temu nur ein Drittel so viel kostet wie auf einer etablierten Online-Plattform, spricht aus finanzieller Sicht zunächst nichts dagegen, beim günstigeren Anbieter zuzugreifen.
Verbraucherbildung allein reicht nicht aus
Carmen Wegge, Sprecherin für Recht und Verbraucherschutz in der SPD-Bundestagsfraktion, betont: „Ein gut gebildeter Verbraucher kann deutlich selbstbestimmter auf dem Markt unterwegs sein.“ Doch sie räumt auch ein: „Verbraucherbildung ist kein Allheilmittel.“ Für den Laien sei nur schwer zu erkennen, wie sicher ein Produkt wirklich ist.
Stefanie Grunert, Expertin für Recht und Handel beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, fordert deshalb grundlegende Veränderungen: „Verbraucher müssen sich auf ungefährliche Waren verlassen können – egal, wo diese herkommen und wie günstig sie auch sind.“ Es könne nicht sein, dass Angebote online sind, die die formalen Minimalanforderungen nicht erfüllen.
Rechtliche Grauzonen und mangelnde Kontrollen
Die Wirtschaftsrechtswissenschaftlerin Katharina Wunner verweist darauf, dass Unternehmen, die gezielt EU-Verbraucher beliefern, auch europäischem Produktsicherheitsrecht unterliegen – unabhängig vom Ort des Unternehmenssitzes. Das grundlegende Problem liegt jedoch in der Vermittlerrolle der Plattformen: Online-Plattformen wie Temu vermitteln lediglich zwischen Käufern und Händlern, wobei letztere die Waren direkt an den Kunden schicken.
„Verschärft wird dieses Problem durch die schiere Menge an Drittstaatensendungen, die täglich nach Europa gelangen“, sagt Wunner. Oft fehlen die erforderlichen Kontaktdaten des Händlers, des Herstellers oder eines EU-Bevollmächtigten. Bislang sind letztere häufig nicht vorhanden oder existieren nur als Briefkastenfirma.
Forderungen nach strengeren Regulierungen
Die Verbraucherzentrale fordert daher konkrete Maßnahmen:
- Verpflichtende EU-Bevollmächtigte, die von den Betreibern der Online-Marktplätze verifiziert werden müssen
- Verstärkte Herausnahme nicht-konformer Produkte aus dem Verkehr
- Eine umfassende Zollreform mit besserer Ausstattung und mehr Zusammenarbeit unter den verantwortlichen Behörden
Wunner schlägt zusätzliche Lösungsansätze vor: „Verbesserte Vorabdaten, digitale Schnittstellen und kreditgestützte Risikoanalysen könnten helfen, risikobehaftete Sendungen frühzeitig zu identifizieren und dadurch die Durchsetzung zu stärken.“ Zusätzlich sollten Online-Plattformen mit konkreten Handlungs- und Überwachungspflichten belegt werden.
Bislang würden die Plattformen „nur sehr zart“ in die Pflicht genommen, kritisiert die Verbraucherzentrale. Wenn Plattformen erfahren, dass Produkte nicht den Sicherheitsanforderungen genügen, sollten die Angebote umgehend entfernt werden – und zwar dauerhaft, ohne dass sie Tage oder Wochen später bei demselben oder einem anderen Hersteller wieder ins Programm genommen werden.
Laut Verbraucherzentrale finden sich noch immer zu viele Angebote online, die allein den formalen Anforderungen, die es längst gibt, nicht genügen. Die unsichtbare Gefahr in den Paketen bleibt damit weiterhin akut.



