Ein fröhliches Party- und Protestwochenende zum Christopher Street Day (CSD) in Berlin fand am späten Samstagabend ein abruptes und tragisches Ende. Gegen 22.15 Uhr brach die Polizei die Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor ab. Zuvor war im südlichen Teil des Tiergartens ein weißer Kleinbus in eine Menschenmenge gerast. Eine Frau kam dabei ums Leben, mindestens 16 Menschen wurden verletzt, drei von ihnen schweben in Lebensgefahr. Die Polizei identifizierte einen Tatverdächtigen, den sie dem islamistischen Milieu zuordnet. Der 21-jährige Abdul B. ist flüchtig, die Behörden fahnden mit Hochdruck nach ihm.
Polizei veröffentlicht Foto des Tatverdächtigen
In einer gemeinsamen Pressemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft am Sonntagmorgen wurde ein Foto von Abdul B. veröffentlicht. Der Gesuchte ist etwa 1,90 Meter groß, von schlanker Statur und hat schwarze Haare. Zum Tatzeitpunkt trug er einen schwarzen Hoodie und eine weiße Hose. Die Ermittler gehen davon aus, dass er am Samstagabend das Fahrzeug steuerte, das in die Menge fuhr. Zunächst war unklar, ob Abdul B. nur der Halter des Kleinbusses oder tatsächlich der Fahrer war; inzwischen bestätigten die Behörden, dass er dringend tatverdächtig ist. Die Ermittlungen laufen „aufgrund des Verdachts eines Anschlags“.
Hinweise auf möglichen Komplizen – beide Airbags ausgelöst
Wie der Tagesspiegel aus Sicherheitskreisen erfuhr, sollen im Tatfahrzeug beide Airbags ausgelöst haben – sowohl auf der Fahrer- als auch auf der Beifahrerseite. Dies könnte auf einen zweiten Täter hindeuten, muss es aber nicht zwingend, da bei manchen Fahrzeugmodellen bei einem Unfall standardmäßig beide Airbags auslösen. Die Ermittler prüfen nun, wie es sich bei dem konkreten Fahrzeugtyp verhält. In der ersten Pressemitteilung hieß es, nach der Tat seien „eine oder mehrere Personen“ aus dem Fahrzeug geflüchtet. Die Polizei bestätigte zudem, dass mehrere Menschen durch Stichwerkzeuge verletzt worden sein sollen.
Politik reagiert bestürzt – Kanzler Merz in Lagebesprechung
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ließ sich am Sonntagmorgen in die Lagebesprechung des Innenministeriums zuschalten. Er stehe im ständigen Austausch mit Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) und den Sicherheitsbehörden, hieß es aus Regierungskreisen. Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) brach ihren Urlaub ab und eilte zurück in die Hauptstadt. CDU-Innenpolitiker Alexander Throm forderte, alle in Arbeit befindlichen Sicherheitsgesetze direkt nach der parlamentarischen Sommerpause zu verabschieden. „Schwarz-Rot arbeitet die Versäumnisse der Vergangenheit auf, als Datenschutz wichtiger war als das Sicherheitsinteresse der Bürger und Bürgerinnen. Genau das wird jetzt umgekehrt“, sagte Throm dem Tagesspiegel.
SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil bezeichnete die Tat auf Instagram als „brutale Tat“ und „Angriff auf unsere Gesellschaft“. Er forderte „lückenlose Aufklärung und konsequente Bestrafung“. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf zeigte sich überzeugt, dass die Täter „an unserem Zusammenhalt scheitern“ würden. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) ordnete für Sonntag Trauerbeflaggung auf Halbmast an und betonte: „Wer Menschen attackiert, die für Freiheit, gleiche Rechte und Vielfalt einstehen, greift die Grundlage unseres demokratischen Gemeinwesens an.“
CSD sagt Sonntagsveranstaltungen ab – Trauerkundgebung am Pariser Platz
Der CSD Berlin sagte alle für Sonntag geplanten Veranstaltungen ab. Für 14 Uhr ist eine Trauerkundgebung am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor geplant, zu der der FLINTA-Chor D-Dur Dykes aufrief. Queere Verbände zeigen sich tief getroffen. Die Organisation LSVD – Verband Queere Vielfalt schrieb auf Instagram: „Der Regenbogen hat heute einen Riss bekommen. Das ist ein dunkler Tag für unsere Community und unser Land.“
Zeugenaufruf und Fahndung
Die Polizei bittet die Bevölkerung um Mithilfe. Zeugen, die Hinweise zum Aufenthaltsort von Abdul B. oder zur Tat selbst geben können, werden gebeten, sich unter der Notrufnummer 110, über das Hinweisportal der Polizei Berlin oder das Hinweistelefon 030 54024111 zu melden. Die Behörden warnen, dass Abdul B. möglicherweise bewaffnet und gefährlich sein könnte; direkter Kontakt soll unbedingt vermieden werden. Brandenburgs Polizei unterstützt die Berliner Kollegen bei der Fahndung, wie Innenminister Jan Redmann (CDU) mitteilte. Redmann, der selbst offen schwul lebt, zeigte sich „zutiefst erschüttert“ und sprach den Opfern sein Mitgefühl aus.
Trauer am Tatort – Besucher legen Blumen nieder
Bereits am Morgen kamen zahlreiche Menschen zum Tatort im Tiergarten, um ihre Anteilnahme zu bekunden. André Zwiers-Polidori und Katrin Kremmler vom queeren Chor „canta:re“ legten Blumen nieder. „Ich war schon zuhause, als das passiert ist. Als ich davon hörte, hat mir das den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagte Zwiers-Polidori unter Tränen. Andere Passanten zeigten sich wütend und fassungslos. „Man hat ja wirklich immer Angst, wenn man irgendwo feiern ist, dass da irgendein Irrer dabei ist“, meinten Claudia und Carola aus Berlin-Mitte, die ihre Kinder nicht zu der Feier geschickt hatten. Gleichzeitig dürfe man sich nicht einschüchtern lassen, betonten sie.
Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Spezialkräfte der Bundespolizei durchsuchten am Morgen den S-Bahnhof Anhalter Bahnhof in Kreuzberg, der in der Nähe des Tatorts liegt. Die genauen Hintergründe der Tat sind noch unklar, doch die Polizei konzentriert sich auf eine islamistische Motivation. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh kündigte an, dass man die Umstände betrachten und „die notwendigen Schlüsse und Konsequenzen ziehen“ werde. Der Inbegriff des fröhlichen Protestes wurde so zu einem Schauplatz der Trauer und des Schreckens.



