250 Jahre „Der Kinderfreund“: Reckahn feiert Aufklärungspionier Rochow
250 Jahre „Der Kinderfreund“: Reckahn feiert Rochow

Ein Pionier der Volksbildung: Friedrich Eberhard von Rochow

Vor 250 Jahren, im Jahr 1776, veröffentlichte der Gutsherr Friedrich Eberhard von Rochow auf Reckahn sein Schullesebuch „Der Kinderfreund“. Das Werk revolutionierte den Unterricht für die Landbevölkerung in Preußen und weit darüber hinaus. Bis heute ist das kleine Dorf Reckahn südlich von Brandenburg an der Havel ein Ort, an dem diese aufklärerische Tradition lebendig gehalten wird. Anlässlich des Jubiläums laden die Reckahner Museen zu einer Neuentdeckung ein.

„Der Kinderfreund“: Ein Buch für Verstand und Moral

Rochows „Der Kinderfreund“ enthielt lehrreiche Geschichten für die Landjugend, die nicht nur das Lesen förderten, sondern auch zum Denken anregen sollten. Eine der bekanntesten Erzählungen handelt von Wilhelm, der sich für eine Frau mit Verstand statt mit Geld entscheidet und mit ihr die Landwirtschaft zur Blüte bringt. Die Moral: „Sollte vielleicht dieses dem Lande nicht großen Vortheil bringen, wenn auch das weibliche Geschlecht zum richtigen Denken in Schulen mehr als bisher angeführt würde?“ Das Buch wurde über hundert Jahre lang in Landschulen verwendet und in zahlreiche Sprachen übersetzt, darunter Französisch, Niederländisch, Dänisch, Polnisch und Tschechisch. „Vielleicht durch einen Missionar sogar ins Tamilische!“, sagt Silke Siebrecht-Grabig, Leiterin der Reckahner Museen.

Musterschule in Reckahn: Vorbild für Preußen

Rochow und seine Frau Christiane Louise gründeten in Reckahn eine Dorfschule, die zum Modell für ganz Preußen wurde. Der erste Schulmeister, Heinrich Julius Bruns, erprobte hier einen neuartigen Unterricht. Statt nur mit einer Fibel Buchstaben zu lehren und aus der Bibel lesen zu lassen, setzte er auf die Geschichten aus dem „Kinderfreund“. Die Kinder lasen reihum laut vor und besprachen die Texte, die von Moral, richtigem Verhalten und landwirtschaftlichen Kenntnissen handelten. „Von Rochow wollte mit seinem Buch auch den Aberglauben bekämpfen“, erklärt Siebrecht-Grabig. „Eine Geschichte erklärt zum Beispiel, dass der Magnetismus keine Zauberei ist.“ Das Besucherbuch der Rochows ist erhalten und verzeichnet rund tausend Gäste, darunter prominente Persönlichkeiten, die sich den Unterricht ansahen.

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Ausstellung „Vernunft fürs Volk“ im Herrenhaus

Im gelb gestrichenen Gutshaus der von Rochows, mitsamt barockem Nebengebäude und Freitreppe in den Park, zeigt die modern gestaltete Ausstellung „Vernunft fürs Volk“ das Wirken der Rochows. Exponate und Schautafeln beleuchten die Modernisierung der Landwirtschaft, Toleranz und aufgeklärte Geselligkeit. Das historische Schulhaus mit Holzbänken, Schreibtafeln und Karten an den Wänden lädt Besucher ein, Platz zu nehmen und mit dem Griffel Schönschreiben zu üben. An besonderen Tagen oder nach Anmeldung für Kleingruppen können Besucher an einer historischen Schulstunde teilnehmen.

Jubiläumsprogramm: Kabinettausstellung und Wanderweg

Zum 250. Jubiläum der Veröffentlichung des „Kinderfreunds“ zeigt Reckahn eine Kabinettausstellung mit Übersetzungen des Werks. Eine neue Ausgabe in moderner Schrift soll allen Interessierten ermöglichen, die Geschichten nachzulesen. Zudem wird der „Rochow-Wanderweg“ eröffnet, der auf knapp zehn Kilometern zu den Reckahner Fischteichen, dem Erbbegräbnis, zum Nachbardorf Krahne und zurück führt. Erholung bietet das Café des Gästehauses am Reckahner Schloss, wo Besucher auch übernachten können – mit dem „Kinderfreund“ als Abendlektüre.

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