Bafög-Angst: Warum Studienkredite Studierende aus armen Familien abschrecken
Bafög-Angst: Studienkredite schrecken ab

Studienfinanzierung als Hürde für Erstakademiker

Wer als Erste oder Erster in der eigenen Familie studieren möchte, betritt oft unbekanntes Terrain. Von der Bewerbung über den Semesterablauf bis hin zur Kommunikation mit Professorinnen und Professoren – viele Fragen bleiben offen. Besonders drängend ist die finanzielle Frage: Wie soll ich mir das Studium leisten? In Akademikerfamilien werden diese Themen nebenbei geklärt, doch in nicht-akademischen Haushalten fehlt dieses Wissen. Die Folge: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen 78 ein Studium, bei Kindern aus Nicht-Akademikerfamilien sind es nur 25. Geld ist nur ein Grund unter vielen, aber ein entscheidender.

Der Übergang zur Hochschule als zweite große Hürde

Schon beim Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium bleibt etwa die Hälfte der Kinder aus nicht-akademischen Familien zurück. Beim Schritt vom Abitur an die Hochschule wiederholt sich dieses Muster: erneut rund die Hälfte schafft den Sprung nicht. Der Hochschulzugang ist somit die zweite große Stelle, an der sich die Wege nach Herkunft trennen. Hier setzt das Bafög an, das eigentlich Chancen eröffnen soll – doch es kommt oft nicht bei den Bedürftigen an.

Die Hilfe ist da, aber sie erreicht die Zielgruppe nicht

Nur etwa 11 Prozent der Studierenden beziehen Bafög. Von denjenigen, die Anspruch hätten, beantragen es Schätzungen zufolge rund 70 Prozent gar nicht erst. Das Wort Bafög ist zwar bekannt, doch was genau dahintersteckt, wissen nur wenige. Viele können nicht einschätzen, ob ihnen etwas zusteht und ob die Summe am Ende reicht. Die Entscheidung über die Höhe fällt erst Monate nach Studienbeginn – das Warten trifft besonders die, die keine Rücklagen haben. Hinzu kommt die Sorge, den Antrag falsch auszufüllen und sich Ärger oder Rückforderungen einzuhandeln. Auch die benötigten Unterlagen von den Eltern sind eine Hürde, da viele Eltern nie offen über ihr Einkommen gesprochen haben.

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Angst vor Schulden als zentrales Hindernis

Über allem steht die Angst vor Schulden. Die Hälfte der Bafög-Förderung ist ein Darlehen, das auf maximal 10.000 Euro gedeckelt ist. In vielen Familien, die wir bei Arbeiterkind.de begleiten, ist das mehr, als die Eltern je beisammenhatten. Schulden werden nicht als Investition, sondern als soziale Gefahr gesehen. In der Sozialerhebung geben 21 Prozent derer, die nie Bafög beantragt haben, genau diese Angst als Grund an. Dass die Rückzahlung sozial abgefedert ist, ändert daran wenig. Solche Sorgen lassen sich oft nur im persönlichen Gespräch nehmen, wie es unsere Ehrenamtlichen täglich führen.

Jobben statt Studieren: Die finanzielle Realität

Selbst wer das staatliche Darlehen bekommt, kommt heute schwerer über die Runden als früher. Die meisten Studierenden jobben ohnehin nebenher. Lange reichte das ungekürzte Bafög in den meisten Orten für ein Leben auf Sparflamme. Heute muss fast überall ein Nebenjob dazukommen, vor allem wegen der gestiegenen Mieten. Studierende berichten, dass aus einem Job inzwischen oft zwei werden, die zusammen an die erlaubten 20 Wochenstunden stoßen. Jede dieser Stunden fehlt im Studium, das sich dann zieht, bis manche es ganz aufgeben. Für viele ist der Job keine Aufbesserung, sondern die Voraussetzung, überhaupt studieren zu können. Die Semestergebühren zu zahlen, bedeutet für viele junge Menschen, andere Ausgaben herunterzufahren, um die Summe halbjährlich ansparen zu können.

Bafög-Sätze: Anpassung ohne festen Mechanismus

Die Bafög-Sätze werden bisher ohne festen Mechanismus angepasst, meist nur einmal pro Wahlperiode. Bei der Frage, ob sie steigen sollen, entsteht bei manchem der Eindruck, hier bekämen „die Studierenden“ mehr Geld vom Staat. Gemeint ist aber nur jene kleine, bedürftige Gruppe von elf Prozent, die es überhaupt bezieht. Und: Es geht nicht um höhere Leistungen, sondern um einen Ausgleich der Teuerung. Die Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren insgesamt in Höhe der Inflation gewachsen, eine Anpassung wäre wirtschaftlich also zu tragen.

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Studienstarthilfe und erste Schritte

Immerhin gibt es seit Kurzem eine Studienstarthilfe von einmalig 1000 Euro für Bedürftige. Eine sinnvolle Ergänzung, aber sie hat Lücken. Die Gebühren, die bei der Immatrikulation fällig werden, deckt sie nicht. Erst kürzlich erzählte uns wieder jemand, dass er das Geld dafür über eine Spendenplattform sammeln muss. Berlin hat als erstes Bundesland sein Hochschulgesetz geändert, sodass Hochschulen künftig Ratenzahlungen der Semestergebühr regeln müssen. Ein kleiner, aber konkreter Schritt.

Alternativen und ihre Grenzen

Wenn die Politik mit dem Bafög so ringt, könnte man sich fragen, ob man es nicht besser ganz abschafft und durch etwas Einfacheres ersetzt. So einfach ist das nicht, denn Sozialgesetzgebung muss sich an hohen Gerechtigkeitsmaßstäben messen lassen. Aber die Förderung ist komplexer, als sie sein müsste. Welche Hürde für Studierende dabei eine entscheidende ist, zeigt der KfW-Studienkredit. Er ist leicht zu bekommen und wird trotzdem kaum genutzt, weil dieselbe Angst vor Schulden abschreckt, die schon beim Bafög so viele zurückhält. Auch Stipendien füllen die Lücke nicht. Wir informieren viele junge Menschen über die Förderwerke, und die Chancen sind für die, die sich bewerben, weit besser, als viele annehmen. Aber mit einem Stipendium lässt sich nicht planen, und wer ein Studium beginnt, braucht etwas Verlässliches.

Was wirklich hilft: Einfache Verfahren und persönliche Beratung

Wie hilft man Studierenden also wirksam? Besonders denen, in deren Familie noch niemand studiert hat? Mit Bafög-Sätzen, die zum Leben reichen. Wir brauchen Antragsverfahren, die so einfach sind, dass die Hilfe auch wirklich bei denen ankommt, für die sie gedacht ist. Und es braucht Menschen, die Unkenntnis und Angst auffangen, bevor daraus ein Verzicht aufs Studium wird. Geld allein verfehlt seine Wirkung, solange es niemand abruft. Die Hürde der Studienfinanzierung abzubauen, wäre nur ein Schritt, aber ein wichtiger.