Das 11. Pflichtschuljahr in Berlin soll Jugendliche ohne klare Anschlussperspektive auffangen und neu orientieren. Dafür wurden berlinweit 15 sogenannte Ankerschulen geschaffen. Die Integrierte Berufsausbildungsvorbereitung (Iba-Praxis) ist ein neues Angebot, das seit dem gerade zu Ende gegangenen Schuljahr läuft. Wie unterschiedlich das gelingt, zeigen zwei Protokolle von Schülern am OSZ Gastgewerbe an der Darßer Straße in Neu-Hohenschönhausen.
Maria: Eine zweite Chance
Maria, 17 Jahre alt, hat die Iba-Praxis-Klasse besucht und zieht eine positive Bilanz. „Für mich war dieses Jahr eine zweite Chance“, sagt sie. Nach der 10. Klasse wusste sie nicht, wie es weitergehen soll. Sie hatte keine Ausbildungsstelle gefunden und fühlte sich verloren. In der Ankerschule habe sie nicht nur praktische Fähigkeiten im Gastgewerbe erlernt, sondern auch ihre Berufswünsche klären können. „Jetzt habe ich einen Ausbildungsplatz als Köchin in Aussicht“, berichtet sie stolz. Das Konzept der Iba-Praxis, das praktische Arbeit mit schulischem Unterricht verbindet, habe ihr geholfen, ihre Stärken zu entdecken.
Yousif: Verlorene Zeit
Yousif, ebenfalls 17 Jahre alt, hat eine ganz andere Erfahrung gemacht. „Für mich war dieses Jahr verlorene Zeit“, sagt er. Er habe das Gefühl, dass das Niveau des Unterrichts zu niedrig gewesen sei und er nichts Neues gelernt habe. „Wir haben oft nur einfache Aufgaben gemacht, die mich nicht gefordert haben“, kritisiert er. Yousif hatte bereits vor der 11. Klasse klare Berufsvorstellungen, fand aber keinen Ausbildungsplatz. Statt ihn gezielt zu fördern, habe die Schule ihn unterfordert. Er wünscht sich mehr individuelle Betreuung und anspruchsvollere Inhalte. „Ich will endlich in meinem Traumberuf arbeiten, aber dieses Jahr hat mich nur zurückgeworfen.“
Unterschiedliche Wirkung des Pflichtschuljahres
Die beiden Protokolle zeigen, dass das 11. Pflichtschuljahr in Berlin je nach Schüler sehr unterschiedlich wirken kann. Während es für einige wie Maria eine echte Chance darstellt, sich zu orientieren und Anschluss zu finden, empfinden andere wie Yousif es als Zeitverschwendung. Die Berliner Schulverwaltung betont, dass die Ankerschulen ein Angebot für Jugendliche ohne klare Perspektive seien. „Das Konzept steht noch am Anfang, und wir werden die Erfahrungen auswerten, um es weiterzuentwickeln“, erklärt ein Sprecher der Senatsbildungsverwaltung. Laut Statistik haben rund 1.200 Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2023/2024 an der Iba-Praxis teilgenommen. Etwa 60 Prozent von ihnen haben nach Angaben der Verwaltung einen Ausbildungsplatz oder eine weiterführende Schule gefunden.
Herausforderungen und Ausblick
Die unterschiedlichen Erfahrungen von Maria und Yousif verdeutlichen die Herausforderungen des neuen Angebots. Während die Iba-Praxis für manche Jugendliche eine Brücke in den Beruf darstellt, droht sie bei anderen an den individuellen Bedürfnissen vorbeizugehen. Die Senatsverwaltung plant, die Ankerschulen zu evaluieren und das Konzept anzupassen. „Wir wollen sicherstellen, dass alle Jugendlichen von diesem Pflichtschuljahr profitieren können“, so der Sprecher. Für Maria steht fest: „Ich bin froh, dass ich diese Chance bekommen habe.“ Yousif hingegen hofft, dass seine Kritik gehört wird und das Angebot verbessert wird.



