Mähfreier Mai in Halle: Zwischen Insektenparadies und Allergiker-Ärger
Mähfreier Mai in Halle: Zwischen Insektenparadies und Allergiker-Ärger

Ein Meer aus Gräsern, leuchtenden Kräutern und blühenden Stauden: Wer im Frühjahr über die Weinbergwiesen im Süden von Halle schlendert, erlebt Natur pur. Es summt und brummt an jeder Ecke. Dass sich das Areal zu einem echten Hotspot für Insekten entwickelt hat, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines langfristigen Umdenkens bei der Stadtverwaltung. Seit Jahren werden diese Flächen bewusst nur noch ein- bis zweimal im Jahr gemäht, dann kommt ein Bauer vorbei und nutzt den Rasenschnitt als Futter für seine Tiere.

Franziska Axt-Robitzsch, Bereichsleiterin der Grünflächenpflege in Halle, schreitet sichtlich zufrieden durch das hüfthohe, saftige Grün, zählt die Kräuter, Stauden und freut sich über die Artenvielfalt. Neben Wiesensalbei gedeihen hier die Schafgarbe, verschiedene Kleearten oder Flockenblumen. Axt-Robitzsch sagt: 'Margeriten gibt es in diesem Jahr kaum, weil das Gras wegen der vergangenen recht feuchten Wochen zu schnell hochgeschossen ist. Es ist jedes Jahr anders.'

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Direkt angrenzend an die wilden Weinbergwiesen liegt das dicht besiedelte Stadtgebiet Halle-Neustadt. Hier wird das Konzept des 'mähfreien Mai' von vielen ganz anders wahrgenommen – und die Meinungen der Bewohner gehen weit auseinander. Bei einer Straßenumfrage wird deutlich, dass das Thema die Menschen bewegt: 'Wir finden das gut, die Natur braucht einfach ihren Platz', loben die einen die Idee. 'Ich finde, es sieht viel schöner und lebendiger aus als dieses ewige Einheitsgrau-Grün', freut sich eine andere Anwohnerin über ungemähten Rasen. Auf der anderen Seite stehen jedoch Mieter, die das hohe Gras als 'ungepflegt' empfinden oder Allergiker, die unter dem massiven Pollenflug der blühenden Gräser leiden.

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In Halle-Neustadt sind die Rasenflächen überwiegend raspelkurz. Rund 275.000 Quadratmeter davon bewirtschaftet auch die GWG (Gesellschaft für Wohn- und Gewerbeimmobilien Halle-Neustadt mbH). Sie betreut rund 16.000 Bewohnerinnen und Bewohner. Für die GWG spielen wirtschaftliche Faktoren eine entscheidende Rolle bei der Pflege ihrer Außenanlagen. Regelmäßiges Mähen ist für die Mieterinnen und Mieter unter dem Strich schlichtweg günstiger. Kathrin Kaufhold-Thürer, Teamleiterin der Unternehmenskommunikation, erklärt: Wenn der Rasen kontinuierlich kurz gehalten werde, biete das klare logistische Vorteile: Kleinere Geräte im Einsatz, daher kostengünstigeres Mähen. Zudem fallen bei fünf bis sieben Mähgängen im Jahr keine Entsorgungskosten an, denn der kurze Rasenschnitt kann oft als Mulch direkt auf der Fläche verbleiben. Ein gepflegter, kurzer Rasen schont also direkt das Portemonnaie der Mieter über die Betriebskostenabrechnung. Kaufhold-Thürer sagt: 'Außerdem entstehen so keine Müllecken, Ungeziefer wie Ratten werden so auch nicht angelockt.'

Die Stadt Halle versucht eine Brücke zu schlagen. Da auf den großen Flächen der Wohnungsunternehmen durch das häufige Mähen ökologische Wüsten entstehen, nimmt das Grünflächenamt zunehmend private Besitzer von Wiesen- und Rasenflächen in die Pflicht. Der Appell der Stadtverwaltung ist klar: Jeder Quadratmeter zählt. Wenn jeder Gartenbesitzer auch nur einen kleinen Streifen seines Rasens im Mai unberührt lässt, entsteht in der Summe ein wertvolles Netzwerk an Mini-Biotopen.

Trotz aller Diskussionen und der wirtschaftlichen Hürden in den Großwohnsiedlungen zieht die Stadt eine positive Zwischenbilanz. Der mähfreie Mai hat sich in Halle als fester Bestandteil des städtischen Umweltmanagements etabliert. Das Bewusstsein für den Wert von scheinbar 'unaufgeräumten' Naturflächen wächst – wenn auch in kleinen Schritten. Es bleibt abzuwarten, ob in den kommenden Jahren auch die großen Wohnungsbaugesellschaften neue Kompromisse finden.

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