Die Papageiensiedlung im Südwesten Berlins, offiziell Waldsiedlung Zehlendorf genannt, steht kurz vor der Aufnahme in das Unesco-Welterbe. Die Entscheidung wird auf der 48. Sitzung des Unesco-Welterbekomitees in Busan, Südkorea, erwartet, die am 19. Juli beginnt. Berlins Bausenator Christian Gaebler (SPD) drückt die Daumen.
Ein Bauhaus-Juwel mit 100 Jahren Geschichte
Die Siedlung wurde zwischen 1926 und 1932 von der gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Gehag im Bauhausstil errichtet. Sie war damals eine der größten und bedeutendsten ihrer Art in Deutschland. Die Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolph Salvisberg setzten ihre Vision einer revolutionären Wohnanlage um, die moderne, offene Architektur mit Grünflächen und sozialem Anspruch verband. 1.100 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern und etwa 800 Reihenhäuser entstanden, jede mit 2,5 Zimmern und fünf Metern Breite.
Die bunten Fassaden in Gelb, Blau, Grün oder Bordeauxrot, dreifarbige Fensterrahmen und farbenfrohe Eingangstüren sorgten für Aufsehen. Der Name „Papageiensiedlung“ leitet sich von dieser Buntheit ab. Ein Politikum waren die Flachdächer, die im sogenannten „Zehlendorfer Dächerkrieg“ zu hitzigen Debatten führten. „Wald, Licht, Luft, Sonne“ – so beschreibt Ute Scheub, die ein Buch über die Siedlung geschrieben hat und selbst dort wohnt, das Konzept.
Berühmte Bewohner und Veränderungen
In der Siedlung lebten einst Prominente wie Schauspieler Theo Lingen, Schriftsteller Johannes R. Becher und SPD-Politiker Julius Leber. Nach der Privatisierung der Gehag um die Jahrtausendwende gingen die Reihenhäuser an Privatleute, die Mietwohnungen landeten über Hedgefonds bei der Deutschen Wohnen, heute Teil von Vonovia.
„Durch den Verkauf an private Investoren spielen unsere Anliegen kaum mehr eine Rolle in einer rein gewinnorientierten Wohnungsbewirtschaftung“, beklagt Barbara von Boroviczeny, die seit Jahrzehnten in der Siedlung lebt. Viele Bewohner befürchten, dass der Welterbe-Status die Mieten weiter treiben könnte. Die Deutsche Wohnen betont: „Es besteht kein Zusammenhang zwischen Denkmalschutz oder Welterbe-Status und der Miethöhe.“
Zwiespalt bei Eigentümern und Mietern
Schon jetzt gelten strenge Denkmalschutzauflagen, die selbst das Anbringen von Rollos erschweren. „Es gibt Unterstützung für die Nominierung, aber auch große Bedenken“, sagt Ute Scheub. Die Papageiensiedlung war 2008 nicht ins Welterbe aufgenommen worden, weil ihr Erhaltungszustand damals schlecht war. Nun soll sie die Reihe der Berliner Welterbestätten erweitern, zu denen die Museumsinsel und die Preußischen Schlösser und Gärten gehören.
Insgesamt stehen weltweit 1.248 Kultur- und Naturstätten in 170 Staaten auf der Unesco-Liste, davon 55 in Deutschland. Neu nominiert sind unter anderem das Teatro Amazonas in Brasilien und die alliierten Landungsstrände in der Normandie.



