In Duisburg-Marxloh entstand 2014 die Initiative „Tausche Bildung für Wohnen“, die inzwischen an acht Standorten in Deutschland aktiv ist. Der Verein bietet Kindern aus benachteiligten Vierteln kostenlose Lernförderung durch Bildungspaten, die dafür mietfrei in einer Wohngemeinschaft leben können. Die Idee gewann mehrere Auszeichnungen und wird nun wissenschaftlich evaluiert.
Spielerisches Lernen mit Bildungspaten
In einer ehemaligen Pfarrwohnung in Duisburg-Marxloh treffen sich täglich 40 bis 60 Kinder der 1. bis 7. Klasse. Sie toben, essen Obst und Gemüse und arbeiten dann in Kleingruppen an Lesen, Rechnen und Rechtschreibung. Jessica Becker, pädagogische Standortleiterin, sagt: „Die Kinder haben alle viel Förderbedarf und wir lernen mit ihnen auf eine besondere Art und Weise, oft auch spielerisch.“ Für viele sei das Projekt ein zweites Zuhause, da ihnen zuhause Ruhe und Platz zum Lernen fehlen.
Ausweitung auf weitere Städte
Gründerin Christine Bleks betont: „Der Kern ist Beziehungsarbeit, als Grundlage für die Kinder, damit sie etwas aufnehmen, gut lernen können.“ Neben Duisburg gibt es Standorte in Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Hamburg und Witten. Köln folgt im Sommer 2027, und für 2028 plant Bleks zwei weitere Standorte in Städten wie Berlin, München, Frankfurt am Main, Stuttgart oder Leipzig. Jährlich profitieren 450 bis 500 Kinder, der Bedarf ist jedoch viel größer.
Keine Nachhilfe, sondern Persönlichkeitsentwicklung
„Wir sind keine Nachhilfeschule“, stellt Bleks klar. Die Förderung umfasst auch Ausflüge, Kochen und Gartenarbeit. Ziel ist es, soziale Kompetenzen, Selbstbewusstsein und Lebensfertigkeiten zu vermitteln. Ein Bildungspate betreut maximal vier Kinder nach individuellem Programm. In den Sommerferien gibt es mehrwöchige Projekte.
Bildungsungleichheit in Deutschland
Der nationale Bildungsbericht 2026 zeigt: Bildungschancen hängen stark von der Herkunft ab. Jedes vierte Kind ist von Armut oder geringer Bildung der Eltern betroffen, acht Prozent der Schüler machen keinen Abschluss. Eine Unicef-Studie bezeichnet als alarmierend, dass nur noch 60 Prozent der 15-Jährigen Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik erreichen. Bleks sagt: „Wir haben Bildungsungerechtigkeit und es ist ein Postleitzahlenproblem.“ Der Verein gehe gezielt dorthin, „wo es wehtut“.
Gewinn für Kinder und Paten
Bildungspatin Paula aus München leistet Bundesfreiwilligendienst und möchte Soziale Arbeit studieren. Sie arbeitet mit der Zweitklässlerin Hajar an Wortschatzübungen. Die Neunjährige Dina sagt: „Mathe und Deutsch fallen mir schwer, aber ich bin schon besser geworden.“ Regelmäßige Befragungen zeigen laut Bleks „absolut positive Ergebnisse“. Rund 4.500 Kinder haben bisher profitiert. Die zwölfjährige Kautar freut sich: „Die Erwachsenen helfen uns bei allem, mir gefällt es hier total gut.“



