Ein seltener Grönlandhai ist an der Küste Irlands angespült worden – ein außergewöhnlicher Fund, der Forschern erstmals die Möglichkeit gab, diese kaum erforschte Tiefseeart genauer zu untersuchen. Das tote Tier wurde im April am Strand der Grafschaft Sligo entdeckt, wie die Irish Whale and Dolphin Group (IWDG) mitteilte. Das National Museum of Ireland ließ den Hai bergen und obduzieren.
150 Jahre alt – aber noch nicht geschlechtsreif
Laut ersten Untersuchungen war der drei Meter lange und 200 Kilogramm schwere Hai zwischen 150 und 200 Jahre alt. Damit hätte er etwa zur Zeit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs oder der Regentschaft von Königin Victoria gelebt. Für Grönlandhaie ist dieses Alter jedoch relativ jung: Sie werden erst mit etwa 150 Jahren geschlechtsreif und können insgesamt 400 bis 500 Jahre alt werden.
„Es ist so schade. Dieser Kerl – er hat 150 Jahre gebraucht, um den Punkt zu erreichen, an dem er sich hätte fortpflanzen und dazu beitragen können, den Bestand wieder auf Kurs zu bringen, und vielleicht hatte er gar keine Chance dazu“, sagte Emilie De Loose, Meeresbiologin bei der IWDG, der BBC. „Wir waren alle einfach nur voller Ehrfurcht. Es ist so unfassbar, wenn man bedenkt, wie lange dieses Tier gelebt hat und was es wohl alles gesehen haben mag.“
Obduktion: Herz wog 34 Kilogramm
Im Labor fanden die Forscher keine äußeren Verletzungen, die den Tod erklären könnten. Sie entnahmen die 50 Kilogramm schwere Leber, das 34 Kilogramm schwere Herz sowie den Magen und Verdauungstrakt. Die Organe sollen weitere Aufschlüsse über die Lebensweise des Hais geben.
Forscherin Jasmine Stavenow Jerremalm erklärte, die Obduktion habe eine seltene Gelegenheit geboten, die Anatomie des Grönlandhais zu studieren. Besonders auffällig waren die Zähne: „Seine Zähne waren ideal dafür geeignet, Stücke von Kadavern abzureißen, denn die oberen Zähne waren gerade und sehr scharf, und die unteren Zähne waren in zwei verschiedene Richtungen gewachsen, fast wie eine Säge. Das ist eine perfekte Anpassung, um Stücke von Kadavern abzubeißen, die er auf dem Meeresboden findet.“
Todesursache bleibt rätselhaft
Trotz der detaillierten Untersuchung ist unklar, woran der Hai gestorben ist. Ein Hoden war verdreht, die Milz hatte eine ungewöhnliche Farbe, insgesamt wirkte das Tier aber gesund. De Loose vermutet eine nicht offensichtliche Krankheit. „Da fragt man sich doch: Was ist passiert? Es ist traurig, weil er nach unseren Maßstäben alt ist, aber eigentlich hätte er noch einen Großteil seines Lebens vor sich gehabt.“
Grönlandhaie: Kaum erforschte Tiefseebewohner
Grönlandhaie leben normalerweise in 400 bis 1000 Metern Tiefe in den kalten Gewässern des Nordatlantiks. Sie werden vier bis fünf Meter lang und bis zu 2,5 Tonnen schwer. Aufgrund ihrer Lebensweise sind sie extrem schwer zu beobachten und zu erforschen. Der Fund in Irland bietet daher eine einmalige Gelegenheit, mehr über diese geheimnisvollen Tiere zu erfahren. Die weiteren Analysen der Organe könnten in den kommenden Monaten neue Erkenntnisse liefern.



