10.000 Schritte durch Berlin: Abendtour vom Ostbahnhof zum Südstern
Abendtour Berlin: 10.000 Schritte Ostbahnhof bis Südstern

Start am Ostbahnhof: Geschichte und Wandel

Unsere Abendtour beginnt um 20 Uhr bei 25 Grad. Die Hitze der letzten Tage ist noch spürbar, aber das Stadtklima fühlt sich angenehmer an. Startpunkt ist der Ostbahnhof, Ausgang Stralauer Platz. Von dort geht es direkt nach links zum Alten Postbahnhof, einem Backsteinensemble, das 1907 als zentrales Bahnpostamt eröffnet wurde. Es diente erst der Kaiserlichen Post, später der DDR-Postlogistik. Ich kenne es vor allem als Konzertlocation, aber auch das ist Geschichte.

Gemeinsam mit meinem Mann und unserem Hund überquere ich die Straße der Pariser Kommune. Ein Blick auf das Ensemble hinter der Rosa-Luxemburg-Stiftung lässt mich schmunzeln: Die Hochhäuser der Mediaspree, die East-Side-Mall – der Konsumkapitalismus breitet sich aus, während die Namensgeberin einst für eine andere Gesellschaft kämpfte.

East-Side-Galerie und Oberbaumbrücke: Symbole der Einheit

An der East-Side-Galerie angekommen, wird mir mulmig. Fast 37 Jahre nach dem Mauerfall spüre ich die Grenze noch. Doch die quirlige Atmosphäre, die vielen Touristen und Jugendlichen am Spreeufer vertreiben das Gefühl. Ein Regenbogen verbindet symbolisch Ost und West. Die Galerie ist 1,3 Kilometer lang und das längste erhaltene Mauerstück.

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Die neugotische Oberbaumbrücke verbindet Friedrichshain und Kreuzberg. Von oben blickt man auf die Wappen der Bezirke. Trotz des Lärms lohnt der Blick über die Spree Richtung Zentrum und Sonnenuntergang oder nach Treptow.

Schlesisches Tor: Berliner Lebensgefühl

Hinter der Brücke folgen wir dem May-Ayim-Ufer, benannt nach der afrodeutschen Aktivistin, und biegen in die Bevernstraße ein. Am Schlesischen Tor wird es laut und lebendig. Die U-Bahn rattert über das Viadukt, Restaurants sind voll, vor dem Burgermeister steht eine lange Schlange. Hier hat sich trotz Gentrifizierung etwas bewahrt, das mein Mann mit dem Lied „Ich steh auf Berlin“ von Ideal besingt: rotzig, trotzig, dreckig – aber Berlin.

Die Heterogenität ist geblieben. Menschen aus aller Welt, Studierende, Ur-Kreuzberger, Familien, Touristen teilen sich den Raum. Die vielen Spätis sind Ausdruck davon. Wir kaufen uns ein Handbier für den weiteren Weg.

Wrangelstraße und Mariannenplatz: Architektur und Kunst

In der Wrangelstraße zeigt sich ein abenteuerlicher Baustil: Baulücken, Aufbauprogramme, preußische Militärhistorie, Gewerbebauten. Die Long March Canteen bietet authentische südchinesische Küche, wie der Michelin Guide lobt. Auffällig sind dreistöckige Häuser, die sonst eher in Leipzig oder Karlsruhe zu finden sind.

Am Mariannenplatz biegen wir in den Bethaniendamm ein. Das ehemalige Diakonissenkrankenhaus Bethanien ist heute ein Ort für Künstler aus aller Welt. Ein verwunschener Ort, der der Kunst erhalten blieb.

Vom Kanal zum Landwehrkanal: Grünes Band

Seit wir von der Spree abgebogen sind, folgen wir dem Verlauf des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals. Nur das Engelbecken ist als Wasserfläche erhalten; der Rest wurde zugeschüttet und ist ein grünes Band bis zum Urbanhafen. Wir gehen über Oranienplatz, Wassertorplatz und Böcklerpark. Am Abend sitzen die Menschen draußen, Lachen und Stimmen hallen dort, wo einst Schiffe fuhren.

Am Landwehrkanal erhebt sich das Urban-Krankenhaus, am Ufer liegt das Restaurantschiff „van Loon“. Es wurde durch einen Nachbau eines historischen Zweimasters ersetzt.

Admiralbrücke und Südstern: Sommer in Berlin

Die Admiralbrücke ist das Sommergefühl Berlins in a nutshell. Um 22 Uhr ist es noch trubelig. Menschen stehen auf der Brücke, Restaurants sind voll, Lichterketten zaubern Urlaubsstimmung wie in Griechenland oder Italien. Wir gönnen uns eine Pizza im „Terra Italian“. Gestärkt und müde biegen wir in die Grimmstraße ein. Wer noch Trubel will, geht auf die linke Seite mit vielen Restaurants. Wir gehen am alten Gelände des Urban-Krankenhauses vorbei, überqueren die Urbanstraße und biegen in die Körtestraße ein – natürlich mit mehreren Spätis.

Unsere Tour endet am U-Bahnhof Südstern. Fazit: Es ist wunderbar, durch einen Sommerabend zu gehen, Berlin neu zu entdecken. Spätis sollten zum Kulturgut erklärt werden – nicht nur als Einkaufsmöglichkeit für Verpeilte, sondern als einzigartige Orte der Begegnung.

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