Berlin-Kolumne: Hauptstadt der provinzvermiesten Würdelosigkeit
Berlin: Hauptstadt der provinzvermiesten Würdelosigkeit

In seiner Kolumne „Jetzt erst recht(s)“ zeichnet Nikolaus Blome ein düsteres, aber liebevolles Porträt der deutschen Hauptstadt. Berlin leide unter provinzvermiesten Würdelosigkeit, frivolem Schlendrian und akuter Ambitionsarmut, schreibt der SPIEGEL-Autor. Dennoch: „Woanders leben? Niemals!“

Baustellen-Safari: Dixi-Klo als Kunstinstallation

Blome schildert eine typische Berliner Szene: An einer wichtigen S-Bahn-Unterführung seien zwei Fahrspuren mit rot-weißen Plastikbarrieren zu einem 30 Meter langen Rechteck abgesperrt gewesen. Darin stand eine Woche lang nur ein Dixi-Klo – kein Bagger, keine Arbeiter. „Solch sinnentleerte Stillleben sind Baustellen in Berlin oft, mithin surreale Kunst, die nicht wegkann“, kommentiert er. Der Begriff Baustelle sei maximal dehnbar. Hunderte solcher abgesperrten Flächen gebe es in der Stadt, und wo tatsächlich gearbeitet werde, sei Lotto.

Bürokratie und Baby: Das Amt gegen die Braut

Ein befreundetes Paar benötige für die standesamtliche Hochzeit vor der Geburt des Kindes einen bestimmten Zettel vom Amt. Doch Urlaubszeit, Krankenstand und defekte Geräte verzögerten die Ausstellung. Blome wettet: „Wer kommt schneller nieder? Das Amt mit dem Zettel oder die Braut mit dem Baby? Ich würde auf das Baby setzen.“ Falls es so komme, verdiene das Kind eine Ehrenurkunde – wären nicht die Bundesjugendspiele aus Angst vor Leistungsdruck abgeschafft worden.

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Politskandal: „Kai aus Spandau“ und die Lüge um 8 Uhr 8

Auslöser der Kolumne sei der Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner gewesen. Nach einem Stromausfall im Januar, der mehrere Stadtviertel tagelang in Dunkelheit und Kälte stürzte, habe Wegner zunächst behauptet, er habe um 8 Uhr 8 das erste Krisentelefonat geführt. Später räumte er „kommunikative Fehler“ ein. Blome urteilt: „Er hatte geschwindelt, ja gelogen, und zwar aus einem piefigen Chefsache-Verständnis heraus.“ Dies sei würdelos – oder die aus der Zeit gefallene Westberliner Chuzpe, mit der einst Granden Zementpreise aushandelten. Früher seien Spitzenpolitiker wegen krachender Bau- oder Bankskandale zurückgetreten, heute wegen einer solchen Lappalie.

Tribale Politik und Personalmangel

Die politischen Parteien in Berlin seien weiterhin tribal und schotteten sich gegen Einflüsse von außen ab. Bei der SPD sei der eigentliche Kandidat für die Wahl im September aufgegeben, weil er nicht ritualhaft „anti-muslimischen Rassismus“ geißeln wollte, wenn er über muslimischen Antisemitismus sprach. Nun trete ein weitgehend Unbekannter an. Auch der neue CDU-Kandidat komme nicht von außen. Blome fordert daher erneut eine Entmündigung der Stadt durch einen Bundeskommissar oder Bundeszwang nach Artikel 37 Grundgesetz – insbesondere wenn die Bundesregierung die Enteignung von Wohnungsbaugesellschaften durch die Linke untersagen wolle.

Paradoxe Liebe zu Berlin

Trotz aller Kritik fragt sich Blome, warum so viele Menschen, er selbst eingeschlossen, in keiner anderen Stadt leben wollten. Die Antwort darauf sei individuell, aber vielleicht spiegele Berlin genau das Deutschland wider, das es derzeit verdiene: „My country, my capital, right or wrong.“

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