Berlin steht vor dem größten Christopher-Street-Day-Wochenende (CSD) aller Zeiten. Erstmals erstreckt sich das queere Großereignis über zwei Tage. Bereits am Freitag, dem 24. Juli 2026, startet der erste Berliner Drag March, der vom Bundestag zum Brandenburger Tor führt. Am Samstag folgt die traditionelle große Demonstration, zu der Hunderttausende Menschen erwartet werden. Die Stimmung ist bereits am Freitagnachmittag entspannt und fröhlich, während sich die Teilnehmenden am U-Bahnhof Bundestag versammeln.
Erster Drag March eröffnet das Pride-Wochenende
Um 16.30 Uhr ist die Menge am Startpunkt noch überschaubar, doch die Vorfreude ist spürbar. Die Blaskapelle Transophonix eröffnet den Marsch mit dem „Lila Lied“, das als erste Hymne der homosexuellen Bewegung gilt und 1920 in der Weimarer Republik entstand. Das Lied besingt das Anderssein als Grund für Selbstbewusstsein und fordert gesellschaftliche Akzeptanz – eine Botschaft, die mehr als 100 Jahre später den ersten Berliner Drag March einleitet. Der Drag March wird unter anderem vom Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz als Co-Hosts begleitet, der queeren Aktivismus mit politischem Engagement verbindet.
„Drag Queens wurden immer wieder diskriminiert und nicht gut angenommen. Dabei sind sie ein Kulturgut der queeren Community“, sagt Schwester Pia, eine Vertreterin des Ordens. Sie erinnert daran, dass Drag Queens bereits bei den Stonewall-Unruhen zu den ersten gehörten, die für die Rechte queerer Menschen kämpften. Der Marsch unterstreicht die historische Bedeutung der Drag-Kultur für die LGBTQ+-Bewegung.
Bühnenprogramm und Prominente am Brandenburger Tor
Am Freitagabend findet vor dem Brandenburger Tor ein großes Bühnenprogramm statt. Unter anderem tritt die Berliner Rapperin Ikkimel auf, die mit provokanten Texten bekannt wurde. Der CSD rät: Früh da sein! Auch am Samstag wird es musikalische Höhepunkte geben: Sarah Connor singt auf der Straße des 17. Juni. Zudem findet am Freitag der Dyke*March statt, der für lesbische Sichtbarkeit demonstriert. Allerdings gibt es dabei erneut Querelen: Wegen des Streits um Palästina und Israel raten die „Lesben gegen Rechts“ vom Besuch ab.
Für diejenigen, die nicht vor Ort sein können, wird das Event live übertragen. Der Sender Alex ist am Freitag ab 18 Uhr live dabei, mit Drag Queen Barbie Breakout und Youtuber Fabian Grischkat als Moderatoren. Am Samstag geht Alex ab 16.30 Uhr auf Sendung, moderiert von Podcasterin Ricarda Hofmann und Moderator Jochen Schropp. Auch das RBB-Fernsehen berichtet am Samstag von 13.10 bis 15.40 Uhr live, und auf dem RBB-Youtube-Kanal startet um 13 Uhr ein Livestream.
Politische Botschaft und gemeinsame Erklärung
Das diesjährige CSD-Motto lautet „HALTUNG IST HOT!“ und setzt den Fokus auf politische Teilhabe. Die Demonstration findet ihren Abschluss in einer großen Kundgebung am Brandenburger Tor mit Redebeiträgen, politischen Gästen und Konzerten. In einer seltenen Einigung haben die queeren Parteiorganisationen von CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und FDP eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Darin sprechen sie sich dafür aus, die Bewerbung des Berliner CSD für den World Pride 2032 finanziell zu unterstützen und die Ausrichtung verbindlich abzusichern.
„Politisch trennt uns Vieles – für manche auch über die Schmerzgrenze hinaus. Dessen sind wir uns bewusst. Bei einem Thema sind wir uns allerdings einig: Wir stärken dem Berliner CSD bei seiner Bewerbung für den World Pride 2032 den Rücken“, heißt es in der Erklärung. Die fünf Organisationen wollen die Bewerbung bereits im kommenden Jahr finanziell unterstützen und fordern, dass die Ausrichtung des World Pride im nächsten Koalitionsvertrag verankert wird. Der World Pride könne Berlin als Regenbogenhauptstadt nachhaltig stärken.
Verkehrseinschränkungen und Reinigungseinsatz
Wichtig für alle Besucher: Von Freitagabend 22 Uhr bis Montagfrüh 1.30 Uhr ist die S-Bahn auf der Innenstadtstrecke zwischen Friedrichstraße und Zoologischer Garten unterbrochen. Betroffen sind die Linien S3, S5, S7 und S9. Es wird ein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet. Auch im Regionalverkehr gibt es Sperrungen: Die Züge RE1, RE2 und RE7 fahren nicht zwischen Ostbahnhof und Charlottenburg. Der CSD weist darauf hin, dass U-Bahnen voller werden könnten und U-Bahnhöfe früher geschlossen werden könnten.
Die Berliner Stadtreinigung (BSR) ist im Großeinsatz: 150 Beschäftigte und 60 Fahrzeuge werden am Samstag die Hinterlassenschaften der Demo beseitigen. Die BSR folgt dem Demozug unmittelbar, damit die Route schnell wieder freigegeben werden kann. Im Jahr 2025 sammelte die BSR rund 120 Kubikmeter Abfall auf dem CSD – ein Rückgang gegenüber 360 Kubikmetern im Jahr 2022. Die BSR führt zudem eine Pfandflaschen-Spendenaktion unter dem Motto „Pfandtastisch“ durch, deren Erlöse an gemeinnützige Einrichtungen gehen.
Wetter und queere Orte in Berlin
Der Deutsche Wetterdienst prognostiziert für das Pride-Wochenende ideales Sommerwetter: Am Freitag bis zu 24 Grad und viel Sonne, am Samstag heiter und trocken bei Höchsttemperaturen zwischen 27 und 29 Grad. Die BVG unterstützt den CSD mit einer Umbenennung der Haltestelle Alexanderplatz in „Alex (m/w/d/x)“ und schmückt den U-Bahnhof mit der Progress-Flagge. Zudem hat der Tagesspiegel zwölf queere Insidertipps in den Außenbezirken Berlins zusammengestellt – vom queerfeministischen Lesekreis in Lichtenberg bis zur Schwulenkneipe in Spandau. Das CSD-Wochenende in Berlin verspricht ein buntes und politisches Fest der Vielfalt zu werden.



