Zwei Tage vor dem Berliner Christopher Street Day (CSD) kamen im Haus der Kulturen der Welt (HKW) drei bedeutende Denker der Gegenwart zusammen, um über Queerness, Klasse und den Rechtsruck zu diskutieren. Die Stimmung war ernst, wie Bodo Niendel vom Berliner CSD in seiner Einführung deutlich machte: „Der Faschismus klopft an die Tür.“ Unter dem Titel „Queer und Klasse“ standen Armut, Ausgrenzung und Solidarität im Zentrum der Debatte.
Autobiografische Erzählungen als soziologische Analyse
Moderatorin Amina Aziz stellte den französischen Soziologen und Schriftsteller Didier Eribon vor, dessen autobiografisches Buch „Rückkehr nach Reims“ 2016 auch in Deutschland zum Bestseller wurde. Es gilt als Erklärungsversuch für den Rechtsruck in Frankreich. Viele im Publikum hatten sich in seiner Kindheit in prekären Verhältnissen wiedererkannt, darunter auch sein ehemaliger Schüler und Freund Édouard Louis, der mittlerweile selbst ein erfolgreicher Schriftsteller ist. Neben ihnen saß die deutsche Philosophin Eva von Redecker, die in ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ ebenfalls den politischen und kulturellen Rechtsruck analysiert.
Obwohl sie zwanzig Jahre trennen, teilen Eribon und Louis eine ähnliche Geschichte: Beide wuchsen in Arbeiterfamilien in Nordfrankreich auf, fühlten sich aufgrund ihrer Homosexualität nie ganz zugehörig, stiegen durch Bildung in ein akademisches Milieu auf und zogen nach Paris. In mehreren Büchern blicken sie auf ihre Kindheit und klassenspezifische Erfahrungen zurück, wobei sie autobiografische Erzählungen stets mit soziologischer Analyse verbinden. Ein zentrales Thema ist die soziale Scham, die sowohl als Auslöser für den Klassenwechsel als auch als Hemmnis beim Ankommen im neuen Umfeld wirkt.
Scham und Klassenwechsel
Zu Beginn der Veranstaltung erzählten Eribon und Louis von ihrer Flucht aus dem Herkunftsmilieu. Louis sagte: „Meine Familie hat sich für mich geschämt, bevor ich mich für meine Herkunft geschämt habe.“ Schon als Kind entsprach er nicht dem typischen Männlichkeitsbild, was insbesondere seinen Vater störte. „Mein Vater hatte das Gefühl, ich habe ihm seine Männlichkeit gestohlen“, so Louis. Später habe er sich dann für seine Familie geschämt und beispielsweise über ihre Berufe gelogen.
Eva von Redecker griff diese Geschichte auf, als sie vom „Phantombesitz“ sprach – einem zentralen Begriff in ihrem Buch. Sie beschreibt damit ein Quasi-Eigentum, das Menschen bereit sind zu verteidigen, obwohl es ihnen gar nicht wirklich gehört, wie etwa die Sexualität des Sohnes. „Den Kern des Faschismus bildet eine entfesselte Eigentumslogik“, schreibt sie.
Kontroverse um queere Identität
Ein Gespräch zwischen den drei Panelisten kam kaum zustande; vielmehr hielten Louis und Eribon abwechselnd Vorträge über ihre Themen. Eine kontroverse Frage war, warum Louis sich nicht als queer, sondern als schwul bezeichnet. In seiner Antwort bezog er sich auf die Zeit, als er als junger, kaum politisierter Schwuler nach Paris kam, wo er endlich jenseits seiner Scham existieren durfte. In schwulen Kreisen fühlte er sich sofort aufgenommen, während er in der queeren Welt das Gefühl hatte, es werde eine „radikale Gesellschaftskritik“ verlangt, die er damals noch nicht artikulieren konnte. Auch heute halte er es bei Veranstaltungen wie dem CSD für problematisch, wenn die Sexualität zugunsten anderer Themen wie Rassismus oder Neoliberalismus in den Hintergrund rücke: „Ich kämpfe auch für diese Themen, aber zu einem anderen Zeitpunkt.“
Ein weiteres Anliegen war ihm die Solidarität auch mit denen, die andere Positionen vertreten. Nach seinen ersten Büchern wurde ihm vorgeworfen, zu negativ über die Arbeiterklasse zu schreiben. Louis hält es für problematisch, zu verlangen, dass man armutsbetroffene Menschen ausschließlich als gute Menschen darstellen müsse: „als müssten Menschen verdienen, dass man sich für sie einsetzt“. Ihm gehe es um „objektive Formen der Gewalt“, nicht um moralische Einordnungen.
Klassenkampf von oben und linke Selbstkritik
Zum Ende der Veranstaltung ging es darum, wie dem Rechtsruck zu begegnen sei. Aziz fragte, ob die gesellschaftliche Linke dort stehe, wo sie stehe, weil identitätspolitische Debatten in den letzten Jahren zu viel Raum eingenommen hätten. Eva von Redecker bezeichnete diese Frage als Ausdruck einer wenig zielführenden linken Selbstkritik. „Die Ausgangslage ist schlecht“, sagte sie. In den letzten Jahren habe es einen „beispiellosen Klassenkampf von oben“ gegeben, der sich nicht dadurch hätte aufhalten lassen, dass man „ein bisschen anders redet“.
Édouard Louis plädierte dafür, sich die Agenda nicht von den Rechten diktieren zu lassen. Die Linke reagiere zu häufig auf rechte Narrative, statt eigene Themen zu setzen und den Menschen eine neue Welt anzubieten. Didier Eribon forderte den Ausbau von Sozialsystemen, ärztlicher Versorgung im ländlichen Raum und menschenwürdigen Pflegeheimen. Er erzählte von seiner Mutter, der er 2024 in seinem Buch „Eine Arbeiterin: Leben, Alter und Sterben“ widmete. Sie starb wenige Wochen nach ihrem Umzug in ein Pflegeheim. Sie sei dort misshandelt worden – nicht von den Pflegerinnen und Pflegern, sondern vom System. Menschen in Heimen würden als wirtschaftliche Last betrachtet, obwohl wir alle eines Tages pflegebedürftig würden. „Menschliche Zuwendung müsste prioritär sein“, so Eribon.
Eva von Redecker rief praktisch dazu auf, am 8. August am Dyke March in Magdeburg teilzunehmen, wo die AfD bald die Landtagswahl gewinnen könnte. „Natürlich nur, wenn ihr Dykes oder deren Freund:innen seid“, ergänzte sie, „und wenn ihr das nicht seid, müsst ihr eh was am Leben ändern“.



