Am 8. November 1918 forderte Feldmarschall Hindenburg den sofortigen Waffenstillstand; am 9. November wurde er unterzeichnet – leider nicht von ihm. Einen Tag später beklagte der Konservative Heydebrand: „Wir sind belogen und betrogen worden!“ Seine „Kreuzzeitung“ entfernte die Devise „Mit Gott für König und Vaterland“ aus dem Titelkopf. Ein halbes Jahr später war sie wieder da, und Chefredakteur Graf Westarp inszenierte den Kampf gegen die „Kriegsschuldlüge“, wobei er historische Wahrheiten als solche verunglimpfte. Ein weiteres Jahr später war der Friedensvertrag so weit untergraben, dass der Teil über Kriegsverbrecher ignoriert wurde und pensionierte Generäle sich wie ein Mann verhielten, der nach einem Gewitter den Kopf aus dem Fenster streckt und feststellt: „Es regnet ja gar nicht mehr.“ Am 14. Juli 1920 riss ein Revanchefanatiker die französische Flagge von der Botschaft in Berlin. Zur Sühne paradierte ein Detachement der neu formierten Reichswehr, doch nach der Zeremonie befahl der Offizier der abmarschierenden Truppe, herausfordernd „Deutschland über alles“ zu singen.
Die Rede Adenauers in Hamburg
1920 – 1946. Konrad Adenauer, Vorsitzender der CDU in der britischen Zone, spricht in Hamburg vor geladenen Gästen. Je intimer der Kreis, desto größer die Wirkung. Die Rede wird verbreitet, jeder Satz durch den Hinweis auf die „geladenen Gäste“ unterstrichen. Der Oberpräsident aus Kiel und der Bürgermeister von Hamburg waren anwesend. Keine Massenveranstaltung, sondern Auserwählte, vor denen man aussprechen darf, was für Kinderohren nicht geeignet ist. Adenauer sagte, dass ein Teil unseres Volkes die Ereignisse zwischen 1918 und 1920 als vorbildlich empfinde und nur bedauere, dass die andersartigen Verhältnisse keine vollständige Nachahmung erlauben – obwohl es in Tübingen schon wieder gelungen sei, französische Fahnen zu entfernen. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl Deutscher spende einer Demonstration wie der vom 14. Juli 1920 noch nachträglich Beifall. Diejenigen, die eine Wiederholung wünschten, könne man darauf hinweisen, dass ihr vermeintlich Großartiges auf dem Bewusstsein der Minderwertigkeit beruhe. Ein Mensch oder eine Nation, die ihrer selbst sicher sei, empfinde die Notwendigkeit, sich wegen eines Fehlers zu entschuldigen, nicht als Schmach, sondern als sittliche Verpflichtung. Wenn eine Diskussion über die Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 noch möglich sei, so habe das Jahr 1939 die Alleinschuld Deutschlands klar erwiesen. Die Tapferkeit der deutschen Soldaten habe nicht dem Wohl, sondern der Vernichtung von Volk und Vaterland gedient. Hitler habe den Krieg so lange und auf eine solche Weise geführt, dass alle Deutschen mit dem Nationalsozialismus bis zur Unteilbarkeit der Schuld identifiziert werden müssten. Unser heutiges Schicksal werde von dem Unrecht bestimmt, das wir in einer nicht abreißenden Kette der Welt zugefügt hätten – und wohl noch zufügen würden, wenn uns nicht die Gewalt fremder Waffen endlich daran gehindert hätte. Es kleide uns übel, wenn wir die ewigen Rechte in dem Augenblick anriefen, da wir ernteten, was wir gesät hätten. Die einzige Waffe, die wir künftig zu tragen gedächten, sei das Wissen um die Ursachen und der Wille, ihnen den Boden zu entziehen.
Adenauers tatsächliche Aussagen
Sprach Adenauer so? Leider nein. Er sagte (laut DPD): „Es gibt ewige Gesetze, gegen die niemand ungestraft verstoßen kann“ – um dann jedoch nicht Hitler, sondern die „Siegermächte“ anzuklagen. Er sagte: „Wir haben dem Ende des Krieges entgegengesehen, wie einer Befreiung von Unglück und Last“ – um daraus ein Anrecht auf Belohnung abzuleiten. Er sagte: „Wenn unsere Besieger mehr Psychologie angewandt hätten, dann hätten sie dem Nationalsozialismus einen tödlichen Schlag versetzt“ – und vergaß den Verzicht auf Psychologie, durch den sich die Partei der Reichskanzler Fehrenbach, Marx und Brüning auszeichnete, vergaß auch sich selbst, der einst als Oberbürgermeister von Köln eine expansive kommunale Verschuldungswirtschaft betrieb. Er sagte: „In der Atmosphäre von Trostlosigkeit und Ratlosigkeit gedeiht der Nationalsozialismus“ – und überlegte nicht, dass seine Rede wie nichts anderes dazu angetan war, diesen überlebenden Nationalsozialismus zu ermutigen. Er sagte: „Niemals in der Weltgeschichte ist es vorgekommen, dass ein Jahr nach einer Kapitulation noch keine Friedensverhandlungen vorgesehen waren“ – und dokumentierte damit das Gegenteil einer den Frieden verdienenden Gesinnung. Er sagte: „Die Ostzone wird so verwaltet, dass man die Westmächte anrufen muss, die bedenken sollten, dass sie nach internationalen Gesetzen nur Treuhänder der Besitztümer eines Volkes sind, das sich bedingungslos ergeben hat“ – und machte sich zum Fürsprecher der Dilettanten und Ignoranten, die in der Aussicht auf einen dritten Weltkrieg den Himmel Deutschlands offen sehen, und der Reaktionäre, die das „kommunistische Gespenst“ nutzen, um Ängste auszubeuten.
Die Kritik Erik Regers
Es scheint, dass den Parteiführern allmählich die Maßstäbe verloren gehen – und mit ihnen Verantwortungsbewusstsein, psychologisches Schätzungsvermögen, Realitätserkenntnis und Taktgefühl. Im Leerlauf, zu dem sie mangels Wahlen und praktischer Regierungsarbeit verurteilt sind, erliegen sie der Versuchung, den Wettlauf um Volkstümlichkeit mit heftigen Redensarten gewinnen zu wollen. Sie reden überhaupt zu viel, weil sie das unbehagliche Gefühl haben, sie seien gar nicht da, wenn sie nicht redeten. Da der Hintergrund der Parlamente fehlt, bekommt es ihnen weder, vom Balkon herab vor der tausendköpfigen Menge noch in Missionshäusern vor eingeweihten Zirkeln zu sprechen. Mag in ihren Reden noch so vieles richtig sein, die Art, wie es vorgetragen wird, lässt sich von unlauteren Elementen benutzen, denen die Redner gewiss nicht die Hände schütteln wollen. Es ist ein Irrtum anzunehmen, es sei das Kriterium eines demokratischen Politikers, zu allen Zeiten alles zu sagen. Was morgen sinnvoll sein kann, muss es nicht heute sein, und was heute sinnlos ist, kann gestern Sinn gehabt haben. Auch ist es nicht gleich, welche Nationalität zwei Redner haben, die dasselbe zum selben Thema sagen. Churchill (der jetzt ein wenig an den Lloyd George der zwanziger Jahre erinnert) darf als Engländer die Sünden des Völkerbundes gegenüber der Abrüstungsfrage betonen; ein deutscher Redner aber muss sich heute vor solchen Argumenten hüten, weil er damit nur der Neigung seines Volkes zur Intransigenz Vorschub leisten würde. Wenn der Nachdruck auf dem Mut gegenüber den Okkupationsmächten statt auf dem notwendigeren Mut gegenüber dem eigenen Volke liegt, gerät man in die Gefahr, dass die nationalistischen Trübwasserfischer am lautesten Beifall klatschen, bis man sich ihrer nicht mehr erwehren kann.
Tiefere Gründe für die Fehlentwicklung
Es gibt noch tiefere Gründe. Nicht dass nach Jahresfrist noch kein Friedensvertrag vorliegt, ist so verhängnisvoll, wie Adenauer meint, sondern dass Deutschland mit so beklemmender Deutlichkeit zum Schlüssel Europas wurde und wir Deutschen uns schon wieder als die wichtigsten Leute der Welt vorkommen. Die falschen Schlüsse daraus verführen die Parteipolitiker, als Ersatz für das innere Feld das äußere zu wählen und sich als Diplomaten ohne Auftrag zu betätigen. Sie berufen sich auf einen unverbrieften Auftrag: „Das Volk erwartet von uns, dass wir unsere Stimme erheben.“ Den unbequemen Gedanken, dass es genau umgekehrt sein müsste – dass sie etwas vom Volke zu erwarten, an das eigene Volk Forderungen zu richten haben – bewahren sie in ihrem Busen. Dass die Parteiführer nicht Gelegenheit nehmen, dem Volk vor Augen zu halten, in welchem Maße sich der Nürnberger Prozess zu einer historischen Dokumentation entwickelt hat, dass sie es nicht vermögen, ihm die Erholung aus den Verwirrungen der Niederlage durch die Härte der Lehre darzustellen, dass es ihnen nicht gelungen ist, ein leidenschaftliches Begehren nach Bestrafung der Schuldigen zu erwecken – darin besteht ihr geschichtliches Versäumnis. Dies ist der Grund, wenn der Nationalsozialismus nicht tot ist. Gegen unsere eigenen Fehler, nicht gegen die der Alliierten, wendet sich das „J’accuse“, dem Adenauer eine glücklichere Beredsamkeit widmen sollte. Wir brauchen Parteiführer, die nicht ihrem Ehrgeiz in abgegriffenen Scheidemünzen statt in Medaillen von scharfem Gepräge nachjagen, und die nicht Statistiker der Stimmungen statt Politiker des Grundsatzes sind.
Einig und doch uneins
Einig sind wir mit Adenauer darin, dass die Ausbreitung der Hegelschen Theorie, die den Staat über die Persönlichkeit stellt, den Nationalsozialismus begünstigt hat. Aber in der Geschichte begibt sich nie eines ohne ein anderes. Wir kennen den Ruf nach der „Staatsautorität“, der in der Weimarer Republik weit öfter gegen die wirklichen Demokraten als gegen die Gegner ertönte. Wir wissen genau, dass die Unterwerfung unter die sogenannten höheren Gebote der Staatsraison immer dann verlangt wurde, wenn die Staatslenker so hilflos waren, dass sie nur noch mit dem Ausnahmeparagraphen regieren konnten. Weil wir das wissen und nicht vergessen haben, wer damals sprach und handelte, darum wollen wir an der Spitze der Parteien heute nicht Leute sehen, die von jenen Tagen her traurig belastet sind. Und ebenso wie wir die geistigen Wegbereiter der Nationalsozialisten auf eine Stufe mit ihnen stellen müssen, so müssen wir alle diejenigen als Feinde einer deutschen Demokratie betrachten, die wiederum mit totalitären Methoden arbeiten und den der Demokratie heimlich Widerstrebenden Wasser auf die Mühle leiten oder die Demokratie diskreditieren, indem sie mit berechnender Maskerade ein falsches Bild von ihr geben. Der Staat ist, darin irrte Cäsar, gewiss kein Name ohne Form und Körper; ob er eine Wohltat ist, hängt davon ab, in welchem Grade er ein Stück im Bauwerk der Menschheit wird. Maßgebend ist der Geist, nicht das Gesicht. Wir wünschen unserem deutschen Volke die Liebe zur Tugend.



