Hohe Mieten, teure Immobilien, Lärm, Stress, Müll – die Gründe, Berlin zu verlassen, sind vielfältig. Der Tagesspiegel hat seine Leser gefragt, wer bereits den Schritt gewagt hat und wie es in der neuen Heimat läuft. Sechs Ex-Berlinerinnen und -Berliner erzählen von ihren Erfahrungen und geben Ratschläge.
Vom Prenzlauer Berg nach Brandenburg: „Endlich Ruhe und Platz“
Familie Müller zog vor zwei Jahren aus einer 70-Quadratmeter-Wohnung in Prenzlauer Berg in ein eigenes Haus mit 140 Quadratmetern in einem Dorf bei Potsdam. „Die Miete in Berlin war explodiert, und wir hatten keinen Außenbereich für die Kinder“, sagt Vater Thomas Müller. „Jetzt haben wir einen großen Garten, frische Luft und absolute Ruhe. Warum haben wir das nicht schon viel früher gemacht?“ Der Umzug habe sich auch finanziell gelohnt: Statt 1.800 Euro Kaltmiete zahlen sie nun 1.200 Euro für die Kreditrate. Allerdings sei die Infrastruktur eine Herausforderung: Der nächste Supermarkt ist fünf Kilometer entfernt, und ohne Auto geht fast nichts.
Vom Kreuzberger Szeneviertel in die Uckermark: „Mehr Lebensqualität trotz längerem Pendeln“
Die 34-jährige Grafikdesignerin Lena Schmidt zog von Kreuzberg nach Templin in der Uckermark. „Ich pendle jetzt zweimal pro Woche nach Berlin, das sind jeweils 1,5 Stunden mit dem Regionalzug. Aber ich habe mir ein altes Bauernhaus gekauft und kann in der Natur arbeiten. Die Lebensqualität ist unschlagbar.“ Ihr Tipp: „Man sollte realistisch sein, was das Pendeln angeht. Und man muss bereit sein, sich in der Dorfgemeinschaft zu engagieren, sonst wird man nicht richtig aufgenommen.“
Vom Berliner Speckgürtel ins echte Brandenburg: „Mehr Wohnraum fürs Geld“
Rentner Klaus Weber (72) tauschte seine 60-Quadratmeter-Wohnung in Zehlendorf gegen eine 100-Quadratmeter-Wohnung in Brandenburg an der Havel. „Ich zahle jetzt 650 Euro warm statt 950 Euro. Dafür habe ich einen Balkon und einen Fahrstuhl. Die Stadt ist ruhiger, aber es gibt gute Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten.“ Er rät Interessierten: „Vergleichen Sie nicht nur die Mieten, sondern auch die Nebenkosten. In Brandenburg sind die oft niedriger.“
Vom Berliner Umland zurück? „Nur mit Kompromissen“
Nicht jeder Umzug gelingt auf Anhieb. Die 28-jährige Studentin Julia Meier zog nach Frankfurt (Oder), kehrte aber nach einem Jahr zurück. „Die Miete war günstig, aber ich fühlte mich isoliert. Es gab kaum junge Leute, und die kulturellen Angebote fehlten. Ich bin lieber bereit, in Berlin mehr zu zahlen, als mich so einsam zu fühlen.“ Ihr Rat: „Vor dem Umzug unbedingt testweise ein Wochenende in der neuen Gegend verbringen und sich über die soziale Szene informieren.“
Expertentipp: „Vorbereitung ist alles“
Immobilienmaklerin Petra Schulz aus Potsdam bestätigt: „Viele Berliner unterschätzen, wie wichtig die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und die Nahversorgung ist. Ich empfehle, vor dem Kauf oder der Miete eine Probedurchsage zu machen und die Nachbarn kennenzulernen.“ Laut einer aktuellen Umfrage des Tagesspiegels erwägen 15 Prozent der Berliner, in den nächsten fünf Jahren ins Umland zu ziehen – vor allem wegen der Wohnkosten.



