Femizide in Pakistan: Kaum Strafverfolgung trotz Gesetzesänderungen
Femizide in Pakistan: Kaum Strafverfolgung trotz Reformen

Mindestens 470 Frauen wurden in Pakistan im Jahr 2025 von ihren Vätern, Brüdern oder Söhnen ermordet. Das geht aus einem aktuellen Bericht der Human Rights Commission Pakistan hervor, der die Tötungen als sogenannte Ehrenmorde einstuft. Doch gegen diese Bezeichnung regt sich Widerstand.

Debatte um den Begriff der Ehre

„Es ist keine Frage der Ehre“, sagt die pakistanische Anthropologin Samar Minallah. „Es handelt sich um vorsätzlichen, kaltblütigen Mord, der vom Wunsch nach Kontrolle und Besitz getrieben ist.“ Sie fordert, den Begriff der Ehre aus solchen Statistiken zu streichen und in Seminaren für Polizeianwärter das Bewusstsein für die grassierende Gewalt gegen Frauen zu schärfen.

Der Mord an der Influencerin Qandeel Baloch am 15. Juli 2016 hatte großes Aufsehen erregt. Ihr Bruder gestand die Tat aus Wut über angeblich unzüchtige Videos. Ein Gericht hob seine Verurteilung jedoch später auf, nachdem die Eltern den Sohn unter einer umstrittenen Klausel begnadigt hatten.

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Femizid als Begriff setzt sich durch

Immer häufiger wird der Begriff Femizid verwendet, der die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts beschreibt. Die häufigste Form ist die Tötung durch Partner oder Ex-Partner. Auch die Frauenorganisation der Vereinten Nationen nutzt die Bezeichnung. Laut aktuellen Zahlen werden weltweit täglich 137 Frauen von Angehörigen ermordet.

Sarah Hendriks, Politikchefin von UN-Women, erklärte bei der Vorstellung der Statistik: „Femizide passieren nicht in Isolation. Sie sind oft Teil einer Kette von Gewalt, die mit kontrollierendem Verhalten, Drohungen und Belästigungen – auch im Internet – beginnen kann.“

Fall Rabia Shah: Ein Beispiel für die Realität

In Jabba im Norden Pakistans wurde Rabia Shah im vergangenen Jahr Opfer eines Femizids. Ihre Schwiegermutter Nasreen Bibi schildert: „Ich habe alles hilflos mit angesehen.“ Onkels und Cousins von Shah seien bewaffnet eingedrungen und hätten auf die junge Frau geschossen. „Onkel, bitte töte mich nicht“, habe sie noch geschrien, bevor der Mann mehrfach auf sie feuerte. Anschließend tötete er auch ihre 16 Monate alte Tochter im Kinderwagen.

Witwer Umar Khan, der Shah vor fünf Jahren ohne Zustimmung ihrer Familie geheiratet hatte, sitzt bei einem Besuch der Deutschen Presse-Agentur dabei. Das Paar hatte sich in Karachi versteckt, aus Angst vor der Familie. Khan ging nach Saudi-Arabien zum Arbeiten, Shah kehrte ins Dorf zurück in der Annahme, der Zorn der Familie sei verflogen. „Am Ende lag sie falsch“, sagt Schwiegermutter Bibi unter Tränen.

Kaum Verurteilungen bei Femiziden

Munawar Khan, der Vater des Witwers, kämpft um Gerechtigkeit: „Ich versuche immer noch, für meine Kinder Gerechtigkeit zu bekommen – von Polizeistationen bis zu Gerichtssälen – aber ich bekomme keine Gewissheit.“ Fünf Menschen seien festgenommen worden und hätten gestanden, Shah und ihr Baby getötet zu haben. Doch drei von ihnen seien gegen Kaution freigelassen worden.

Der Bericht der Human Rights Commission Pakistan verzeichnet für 2025 neben den 470 Femiziden 1.332 Morde im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt und fast 3.000 Fälle von Körperverletzung. Die Forscherin Minallah warnt: „Wenn der Begriff 'Ehre' benutzt wird, führt die Aufmerksamkeit weg von dem brutalen, kaltblütigen Femizid und hin zu der Frage, ob der Mord gerechtfertigt war. Diese Verschiebung ist gefährlich. Und die ist auch gewollt.“

Die Vergebungsklausel als Hindernis

In Pakistan kommen die meisten Täter ungestraft davon. Die Sustainable Social Development Organization zählte im ersten Halbjahr 2025 lediglich zwei Verurteilungen in der Kategorie der sogenannten Ehrenmorde. Grund ist neben einer überforderten Justiz die umstrittene islamische Rechtsnorm, die es Angehörigen des Opfers seit 1990 erlaubt, Täter zu begnadigen. In manchen Fällen können sogar direkte Angehörige der mutmaßlichen Täter vergeben.

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Nach dem Fall Baloch sollte diese Möglichkeit für Femizide eigentlich ausgeschlossen werden. Doch Rechtsexperten sagen, es bestünden weiterhin Lücken, da schwer abzugrenzen sei, ob ein Mord ein Femizid sei. Die Klausel müsse vollständig entfernt werden, um Mörder belangen zu können. Samar Minallah stimmt zu: „Gesetze können als Rahmen dienen. Aber die Lücken und tief verwurzelte kulturelle Denkmuster lassen die Gerechtigkeit immer wieder zusammenbrechen.“