Am Sonntagabend, dem 26. Juli, wollen Tausende Menschen auf Mallorca unter dem Motto „Mallorca am Limit – weniger Tourismus, mehr Leben“ durch Palma ziehen. Die Veranstalter rufen dazu auf, die Straßen „zum Kollabieren“ zu bringen. Mehr als 100 Umwelt-, Gewerkschafts-, Nachbarschafts- und Kulturverbände unterstützen die Demonstration. Es ist die dritte Großdemonstration gegen das Tourismusmodell der Insel innerhalb weniger Jahre. Bei den vorherigen Protesten gingen jeweils Zehntausende auf die Straße, doch die Organisatoren beklagen, dass sich seither kaum etwas geändert habe.
Wohnungsnot als zentrales Problem
Im Mittelpunkt der Proteste steht die Wohnungsnot. Nach Angaben der Organisatoren stehen auf den Balearen mit der Hauptinsel Mallorca mehr als 100.000 Wohnungen leer. Weitere 100.000 Apartments würden nur saisonal oder touristisch genutzt. Ferienwohnungsvermieter, internationale Immobilienfonds und ausländische Käufer entzögen dem regulären Wohnungsmarkt Tausende Wohnungen. „Gleichzeitig sind Menschen, die im Tourismus arbeiten, gezwungen, in Wohnmobilen, Zelten oder Hütten ohne Wasser und Strom zu leben“, erklären die Veranstalter.
Die Durchschnittsmiete auf Mallorca liegt inzwischen bei über 1678 Euro im Monat – höher als in jeder anderen spanischen Region. Auf jede angebotene Mietwohnung kommen auf den Balearen fast 160 Interessenten, wie die Inselzeitung „Diario de Mallorca“ berichtet. „Tausende Einwohner müssen verzweifelt darum kämpfen, ein Dach über dem Kopf zu bekommen“, kommentierte das Blatt.
Wirtschaftsmodell in der Kritik
Die Demonstranten kritisieren nicht nur überfüllte Strände, Dauerstaus und den hohen Wasserverbrauch der Urlaubsindustrie. Im Manifest der Protestplattform heißt es: „Auch in diesem Jahr deutet alles darauf hin, dass die Zahl der Besucher, die Lebenshaltungskosten und die Unternehmensgewinne weiter steigen werden – zulasten der Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung.“ Der Unmut beschränke sich längst nicht mehr auf die Hauptsaison: „Seit Monaten erscheinen täglich Meldungen über die Zerstörung der Landschaft, überlastete öffentliche Dienste, die Wohnungskrise, zusammenbrechende Infrastrukturen und die wachsenden Schwierigkeiten, sich auf Mallorca eine Zukunft aufzubauen.“
All dies sei keine vorübergehende Begleiterscheinung, „sondern unmittelbare Folge eines Wirtschaftsmodells, das touristisches Wachstum zum Selbstzweck gemacht hat“. Die vermeintliche Eindämmung des Tourismus bedeute lediglich ein langsameres Wachstum, so das Manifest: „Eine Verringerung der Belastungen für die einheimische Bevölkerung ist zu keinem Zeitpunkt vorgesehen.“
Zunehmende Radikalität und Aktionen
Die Wut entlädt sich seit Monaten auch außerhalb der großen Demonstrationen. An Häuserwänden und Immobilienbüros tauchen Parolen wie „Tourists go home“ oder „Guiris fuera“ (Ausländische Touristen raus) auf. In Artà im Nordosten der Insel wurden Reifen von Mietwagen zerstochen. Vor mutmaßlich illegal vermieteten Ferienwohnungen gab es Protestaktionen; Aktivisten blockierten Schlösser und kleine Schlüsselkästen, über die Gäste Zugang zu Airbnb-Wohnungen erhalten.
Vor Kurzem nahm die Polizei zwei Aktivistinnen fest. Ihnen wird vorgeworfen, die Fassaden von fünf Immobilienbüros mit tourismuskritischen Parolen besprüht, Scheiben beschädigt und Klebstoff in Schlösser gefüllt zu haben. Die beiden Frauen kamen unter Auflagen wieder frei. Die Protestplattform verteidigt solche Aktionen als „gewaltfreie direkte Aktionen“ und „legitime Werkzeuge sozialer Mobilisierung“. „Graffiti anzubringen oder Silikon in die Schlösser illegaler Ferienwohnungen zu füllen, die gegen das Gesetz verstoßen, ist keine Gewalt“, argumentiert die Organisation. Gewalt seien vielmehr „die Zerstörung des Territoriums, die Vertreibung der Einwohner, die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und die Gentrifizierung“.
Tourismusrekorde trotz Protesten
Die neue Protestwelle fällt in ein Jahr, in dem die Ferienwirtschaft erneut auf Rekordkurs liegt. Schon 2025 hatten die Balearen, zu denen Mallorca, Ibiza, Menorca und Formentera gehören, mit rund 19 Millionen Urlaubern einen neuen Höchststand erreicht. Für das Jahr 2026 erwartet die Regionalregierung noch mehr Besucher und Tourismuseinnahmen von 24,67 Milliarden Euro, 5,2 Prozent mehr als 2025. Wegen der Kriege und Krisen im Nahen Osten gelten Spanien und die Balearen bei europäischen Urlaubern und Reiseveranstaltern als vergleichsweise sicheres Reiseziel. Der Flughafen von Palma, der 2025 bereits der drittgrößte Spaniens war, nähert sich nach Einschätzung des Flughafenbetreibers Aena seiner Kapazitätsgrenze.
Ein von der Protestplattform verbreitetes Video zeigt drastische Bilder und droht: „Morgen kommt das letzte Kreuzfahrtschiff. Lebt wohl, Mietwagen, lebt wohl. Wir werden die Autobahnen umpflügen, die Hotels werden einstürzen – und so wird die Welt begreifen, dass zu viele Touristen kommen!“



