Vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2030, die Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichtet, erheben Tierschutzorganisationen schwere Vorwürfe: Das nordafrikanische Königreich betreibe eine systematische Tötung von Straßenhunden, um die Städte für das Turnier zu „säubern“. Die marokkanische Regierung weist diese Anschuldigungen entschieden zurück und verweist auf ein seit 2019 laufendes Programm zur Kastration und Impfung der Tiere. Unabhängige Überprüfungen der Vorfälle sind jedoch kaum möglich, doch Fotos und Videos aus Städten wie Rabat, Fes, Casablanca und Marrakesch deuten auf eine Zunahme der Tötungen hin.
Schockierende Bilder aus mehreren Städten
Augenzeugen berichten von toten Hunden am Straßenrand, im Gebüsch oder mit Schusswunden auf dem Asphalt. In Casablanca beschrieb ein Anwohner, wie Mitarbeiter einer städtischen Behörde regelmäßig Hunde zu einer Müllverbrennungsanlage bringen, wo sie verbrannt werden. Andere berichten von Erschießungen oder dem lebendigen Vergraben der Tiere auf einer Mülldeponie. Die Tierschutzallianz IAWPC (International Animal Welfare Protection Coalition) spricht von einem „verschärften“ Fangen und Töten seit der Vergabe der WM im Dezember 2024. Peta, ebenfalls Teil der Allianz, bezeichnet die Vorgehensweise als „massenhaftes Abschlachten“. Andere Quellen geben jedoch zu bedenken, dass gewaltsame Methoden bereits vor dem WM-Zuschlag verbreitet waren.
Innenministerium weist Vorwürfe zurück
Das marokkanische Innenministerium erklärte auf Anfrage, dass große internationale Ereignisse zwar einen „zusätzlichen Anreiz“ böten, laufende Programme zum Umgang mit Hunden zu „beschleunigen“, ein direkter Zusammenhang mit der WM bestehe jedoch nicht. Die Regierung weist die Tötungsvorwürfe zurück. Stattdessen laufe seit 2019 ein Programm namens TNVR (Fangen, Kastrieren, Impfen, Zurücksetzen), das die Hundepopulation schrittweise senken solle. „Es gibt keine organisierte Kampagne, um streunende Hunde auf der Straße zu töten“, hieß es aus dem Ministerium. Fotos oder Videos von „isolierten Vorfällen“ spiegelten „in keiner Weise“ den Ansatz des Königreichs wider.
Widersprüchliche Aussagen und Recherchen
Doch es gibt widersprüchliche Aussagen. Omar Jaid, Präsident des örtlichen Tourismusrats in Irfane, einer Stadt nahe Fes, in der WM-Spiele stattfinden sollen, erklärte gegenüber CNN, man habe begonnen, „die Straßen von Straßenhunden zu säubern als Teil unserer Vorbereitungen“ für das Turnier. Die Tiere würden eingesammelt, in Heime gebracht und dort geimpft. Eine Recherche des Online-Magazins „The Athletic“ ergab jedoch, dass eine örtliche Behörde bereits im Herbst 2024 tausend Schuss Munition bestellte, um sie gegen Straßenhunde einzusetzen. Vor dem Africa Cup of Nations (AFCON) im vergangenen Jahr seien Hunde verbrannt oder in einem Schlachthaus nahe Marrakesch systematisch getötet worden.
FIFA und neues Gesetz
Die FIFA erklärte, sie prüfe zusammen mit dem marokkanischen Fußballverband FRMF, ob die im Bieterverfahren gemachten Zusagen zum Tierschutz eingehalten werden. Die FIFA arbeite in dieser „wichtigen Angelegenheit“ auch mit der IAWPC zusammen, die rund 80 Tierschutzorganisationen umfasst. Die Allianz schätzt die Zahl der Straßenhunde in Marokko auf drei Millionen – eine offizielle Statistik gibt es nicht. Ein neues Gesetz, an dessen Vorbereitung auch die FIFA mitwirkte, sieht Haftstrafen von bis zu sechs Monaten und Geldstrafen von bis zu 1.800 Euro für vorsätzliche Tötung oder Misshandlung von Tieren vor. Gleichzeitig drohen geringere Strafen für das Füttern oder Behandeln von Straßenhunden, was Tierschützer empört. Erst vor wenigen Tagen tauchte ein Video aus Tinghir auf, das zeigt, wie ein Schütze einen Hund mit einem Gewehr erschießt, während Passanten zusehen. Der Kampf um die Deutungshoheit dürfte sich im Vorfeld der WM noch verschärfen.



