Die neue Haltung der Arbeiterklasse
In seiner Kolumne wendet sich Harald Martenstein an den verstorbenen Dichter Bertolt Brecht und konstatiert einen fundamentalen Wandel: Die Arbeiterklasse von heute sei nicht mehr links. Stattdessen erwarte sie von Staat eine konkrete Gegenleistung für ihre Steuerzahlungen. Pünktliche Züge, saubere Straßen, sichere Parks, gute Schulen und bezahlbare Wohnungen – das seien die Forderungen des modernen Proletariats. Weil diese Erwartungen nicht erfüllt werden, seien die Arbeiter auf die traditionellen Arbeiterparteien schlecht zu sprechen.
Der Begriff „Deliverismus“
Für diese Haltung, als Steuerzahler Lieferung einer Gegenleistung zu verlangen, habe sich ein neuer Begriff etabliert: „Deliverismus“, abgeleitet vom englischen „to deliver“ (liefern). Die Bundesregierung verspreche daher ständig: „Wir werden liefern.“ Doch der Deliverismus werde auch häufig kritisiert, so Martenstein. Das Volk solle nicht materialistisch denken; es ginge um Wichtigeres wie Klimaschutz, offene Grenzen und Vielfalt, nicht um „neues Handy, feines Auto, vollen Kühlschrank“, wie ein Kollege in der „Zeit“ geschrieben habe.
Brechts „Dreigroschenoper“ als Leitfaden
Martenstein erinnert an Brechts „Dreigroschenoper“ und den berühmten Satz: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Die Regierung hingegen setze andere Prioritäten. Brecht habe einmal geschrieben, die Regierung solle sich ein anderes Volk suchen, falls sie mit dem vorhandenen nicht klarkomme – ein Zitat, das Martenstein für treffend hält. Er schließt mit der Frage, ob die aktuelle Politik am Wählerwillen vorbeigehe.



