Warum ich neuerdings ein besonderes Morgenritual habe
Mein neues Morgenritual: Warum ich jetzt Zeitung lese

Berlin. Kolumnist Dieter Puhl hat mehr als 30 Jahre lang in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet. In seiner Kolumne „Nachtgestalten“ beschreibt er nun, warum er nach jahrelanger Abstinenz wieder ein Zeitungsabo abgeschlossen hat – und wie dieses sein Morgenritual verändert.

Vom Spandauer Volksblatt zur Berliner Morgenpost

Puhl gehörte lange zu den Menschen, die kein Zeitungsabo hatten – nicht aus Desinteresse, sondern wegen des Preises. „Eine gute Tageszeitung kostet Geld. Und Geld lässt sich bekanntlich nur einmal ausgeben“, schreibt er. Dabei war das früher anders: Als er 1975 aus Norddeutschland nach Berlin kam, gehörte das „Spandauer Volksblatt“ zu seinem Alltag. Das Zeitunglesen war ein Ritual. Er kannte die Redakteure, wusste, wer nüchtern kommentierte und wer leidenschaftlich schrieb. Das half ihm beim Einordnen der Nachrichten.

Später jobbte er sogar für eine Zeitung: Nachts fuhr er die druckfrischen Ausgaben zu den Kiosken. „Es hatte etwas Besonderes, wenn morgens überall die Zeitungen auslagen und ich wusste: Die haben wir gerade ausgeliefert“, erinnert er sich. Daher stamme sein Respekt vor dem Journalismus.

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Die Macht der Medien in der Obdachlosenhilfe

In seiner Arbeit in der Obdachlosenhilfe erlebte Puhl hautnah, wie wichtig Medien sein können. Oft fehlte das Alltäglichste: Kaffee, Zucker, Milch, Käse, Taschentücher, manchmal sogar Toilettenpapier. „Wenn Zeitungen oder andere Medien über unsere Arbeit berichteten und zu Spenden aufriefen, kam sehr viel Hilfe. Nicht selten auch Geld“, schreibt er. Berichterstattung konnte konkret das Leben von Menschen verbessern und machte die Arbeit leichter.

Später wurde der „Berliner Abend“ seine Zeitung. Sie passte zu seinem Tagesablauf. Und dann kam in diesem Sommer eher zufällig ein sechswöchiges Probeabo der Berliner Morgenpost – elf Euro, zur Fußball-WM. Jeden Morgen lag die gedruckte Ausgabe im Briefkasten, zusätzlich gab es alle Inhalte digital. „Ich hätte nicht gedacht, wie sehr mir das fehlen würde“, gesteht Puhl.

Ein neues Morgenritual: Langsamer und entschleunigter

Plötzlich begann der Tag anders – langsamer, entschleunigter. Eine Tasse Kaffee, eine Zeitung und eine gute Stunde für Politik, Berlin, Sport, Kultur und Gesellschaft. Am Samstag die besonders dicke Ausgabe mit Garten, Haushalt, Restauranttipps, Reportagen und Kolumnen. Besonders gern liest Puhl die Leserbriefe. „Mich interessiert, wie andere Menschen ticken, worüber sie sich freuen, worüber sie sich ärgern und welche Meinung sie vertreten“, erklärt er. Ab und zu wird dort sogar auf seine eigene Kolumne reagiert – mal mit Lob, mal mit Kritik. Beides sei wertvoll. Kritik bringe neue Gedanken und manchmal Themen für die nächste Kolumne.

Noch schöner sei es, wenn ihn Leserinnen und Leser unterwegs ansprechen – freundlich und zugewandt. „Genau so entsteht Öffentlichkeit“, betont Puhl.

Zeitungen als Fundament der Demokratie

Zeitungen sind für ihn weit mehr als bedrucktes Papier. Sie vermitteln Wissen, liefern Hintergründe und helfen, Entwicklungen einzuordnen. Sie schauen den Mächtigen auf die Finger, decken Missstände auf und tragen dazu bei, dass Verantwortung übernommen wird. „Manche Rücktritte in Politik oder Wirtschaft hätte es ohne kritischen Journalismus nie gegeben“, ist Puhl überzeugt. Das alles stärke die Demokratie und schaffe eine gemeinsame Öffentlichkeit. Millionen Menschen beginnen ihren Tag mit denselben Themen, stimmen zu oder widersprechen – und kommen darüber ins Gespräch.

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Bewusstes Ritual im digitalen Alltag

Natürlich kann Puhl Nachrichten auch im Internet lesen – das tut er täglich. Aber eine Zeitung sei etwas anderes. Er mag ihre Ordnung. Dass nicht irgendein Algorithmus entscheidet, was er liest, sondern eine Redaktion. Dass er über Themen stolpert, nach denen er nie gesucht hätte. Dass ihn die Zeitung überrascht. Ja, Zeitungen seien teuer. Ja, Qualität habe ihren Preis. Seit drei Jahren ist Puhl Rentner und muss mit seinem Geld sorgfältig umgehen. „Aber ich habe auch etwas gewonnen: Zeit. Zeit zum Lesen, Nachdenken und dafür, den Tag nicht nur mit Schlagzeilen auf dem Handy zu beginnen“, schreibt er. Und ja: Er werde künftig auf einen zusätzlichen Restaurantbesuch im Monat verzichten. Dafür liegt morgens um 6 Uhr seine Zeitung im Briefkasten. „Ich freue mich darauf. Manchmal sind es gerade die kleinen Rituale, die das Leben ein bisschen reicher machen“, schließt Puhl.