Männer häufiger vom „Hitting the Wall“ betroffen
Eine aktuelle Studie, veröffentlicht im Fachblatt „Scientific Reports“, zeigt, dass Männer bei Marathons deutlich häufiger einen plötzlichen Leistungseinbruch erleiden als Frauen. Das als „Hitting the Wall“ bekannte Phänomen tritt bei männlichen Läufern fast doppelt so oft auf wie bei Läuferinnen. Die Forscher um Beat Knechtle werteten dafür mehr als 850.000 Laufzeiten des Berlin-Marathons aus den Jahren 1999 bis 2025 aus.
Definition und Datenbasis
„Hitting the Wall“ wird in der Studie als eine Verringerung des Durchschnittstempos um mindestens 20 Prozent in der zweiten Hälfte des Marathons im Vergleich zur ersten Hälfte definiert. Von den über 850.000 ausgewerteten Läufen waren 76 Prozent von Männern, mehr als die Hälfte der Teilnehmer war zwischen 35 und 49 Jahren alt. Die durchschnittliche Zeit der Männer lag bei 4 Stunden 2 Minuten, die der Frauen bei 4 Stunden 29 Minuten.
Knapp 18 Prozent der Männer erlebten einen solchen Einbruch, bei den Frauen waren es unter 10 Prozent. Besonders auffällig: Bei männlichen Läufern mit einer Zielzeit unter drei Stunden war die Wahrscheinlichkeit für einen Einbruch sogar sechsmal höher als bei Frauen (1,42 Prozent gegenüber 0,23 Prozent).
Überraschende Ergebnisse bei schnellen Läufern
Co-Autor Aldo Seffrin betonte: „Es ist interessant und überraschend, dass der plötzliche Leistungseinbruch bei Männern kein Anfängerproblem ist, sondern bei den sehr schnellen Läufern sogar besonders häufig ausgeprägt war. Dass sie fitter und erfahrener waren, hat die Männer nicht geschützt.“
Die Studie zeigt, dass Männer im Durchschnitt zwar schneller ins Ziel kamen, ihre Kräfte jedoch weniger sorgfältig einteilten. „Frauen liefen gleichmäßiger und hielten ihr Tempo auch in der zweiten Hälfte“, so Seffrin. Dies deute darauf hin, dass die gezielte Einteilung der Kräfte genauso wichtig ist wie die reine Geschwindigkeit und dass viele Männer davon profitieren würden, wenn sie konservativer starten würden.
Geschlechtsspezifische Unterschiede im Stoffwechsel
Bei 52 Prozent der Frauen war kein klarer Leistungsabfall erkennbar, während dies bei den Männern nur bei gut einem Drittel (36 Prozent) der Fall war. Als mögliche Ursache führen die Autoren an, dass der weibliche Körper beim Laufen seinen Glykogenvorrat schonender verbraucht. Glykogen dient als kurzfristiger Energiespeicher. Geschlechtsspezifische Unterschiede beim Stoffwechsel und beim Anteil bestimmter Muskelfasern könnten den Glykogenmangel, der das Phänomen auslöst, wirksam verzögern.
Aus der Verhaltensforschung sei außerdem bekannt, dass Männer dazu neigen, sich zu überschätzen und risikobereiter zu sein. Im Kontext eines Marathons könne sich dies in einem höheren Anfangstempo niederschlagen. Allerdings handelt es sich hierbei um Mutmaßungen, die Studie erhob dazu keine Daten.
Empfehlungen für Läufer
Die Forscher empfehlen Männern, langsamer ins Rennen zu starten und erst später zu beschleunigen, um das Risiko für „Hitting the Wall“ zu reduzieren. Für den begeisterten Marathonläufer und Forscher Knechtle haben die Erkenntnisse direkten Nutzen für den Alltag.



