Am 27. Oktober 1992 wird die 50-jährige Barbesitzerin Karin Rieck in ihrer Wohnung in der Berner Straße in Berlin-Lichterfelde tot aufgefunden. Ihr Lebensgefährte Günther S. entdeckt sie am Abend nach seiner Rückkehr von einem Geschäftskongress in Hamburg. Die 50-Jährige liegt in einer Blutlache, erschossen mit einem gezielten Kopfschuss. Es gibt keine Einbruchsspuren, keinen Kampf – die Szenerie deutet auf einen professionell ausgeführten Mord hin. Bis heute ist der Täter nicht gefasst, die Akte Rieck gilt als einer der hartnäckigsten Cold Cases Berlins.
Der Tathergang: Ein rätselhafter Mord ohne Spuren
Die Rechtsmedizin grenzt den Todeszeitpunkt auf die Mittagszeit zwischen 11 und 14 Uhr ein. Das Opfer ist angezogen, trägt ein helles T-Shirt und eine dunkle Hose. Der Schuss kam von vorn – Karin Rieck hat ihren Mörder angesehen, aber es gibt keine Abwehrspuren. Die Ermittler finden weder Finger- noch Schuhabdrücke, kein Gewebematerial für einen DNA-Abgleich. Nichts in der Wohnung wurde durchwühlt oder verändert. Lediglich das Wechselgeld-Portemonnaie der Wirtin und einige Tausend D-Mark aus Bargeldverstecken fehlen. Die Polizei schließt einen Raubmord nicht aus, hält einen geplanten Mord jedoch für wahrscheinlicher. „Das sehr methodische Vorgehen und das Fehlen von Einbruchsspuren deuten auf einen Profi hin“, so ein Ermittler.
Das Umfeld des Opfers: Eine erfolgreiche Gastwirtin mit vielen Kontakten
Karin Rieck führte seit Mitte der 1980er-Jahre die Szene-Bar „Karin’s Atelier“ in der Katharinenstraße in Halensee. Die Bar war ein Treffpunkt für Menschen aus Politik, Wirtschaft und Showbusiness. Rieck schuf eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der geflirtet, getanzt und getrunken wurde. Auch sexuelle Dienstleistungen wurden angebahnt. Am Abend vor ihrem Tod war sie mit Freunden im Lindengarten, wo sie von einem Streit mit ihrem eifersüchtigen Lebenspartner, einem wieder aufgetauchten Ex-Freund und einem Kaufangebot für ihre Bar von bis zu einer halben Million D-Mark berichtete. Sie hatte alle Angebote abgelehnt, auch Schutzgelderpressungen. Gegen 23:45 Uhr brachte ein Freund sie zum Auto – er war der letzte Zeuge, der sie lebend sah.
Die Tatwaffe: Eine Walther P38 mit Vorgeschichte
Das in der Wohnung gesicherte Projektil stammt von einer Walther P38, einer alten Wehrmachtspistole. Die Waffe war bereits bei zwei Schaufensterdiebstählen eingesetzt worden: am 8. September 1991 in einem Juweliergeschäft am Kurfürstendamm und am 3. März 1992 in einem Antiquitätengeschäft in der Passauer Straße. Bei dem zweiten Einbruch verletzte sich der Täter an einer Glasscheibe, Blut wurde gesichert und ein DNA-Vollprofil erstellt. Der Einbrecher wird beschrieben als junger Mann, etwa 1,70 Meter groß, mit kurz geschorenen blonden Haaren, Raucher mit auffällig hinkendem Gang. Die Polizei geht davon aus, dass Einbrecher und Mörder nicht identisch sind, sondern die Waffe weitergegeben wurde.
Ermittlungen und Hoffnung auf neue Hinweise
2017 startete die Berliner Polizei eine groß angelegte Öffentlichkeitsfahndung, die 2018 auch in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ vorgestellt wurde. Ein Schrottangler fischte kurz darauf eine Walther P38 aus dem Spandauer Schifffahrtskanal, deren Seriennummer entfernt worden war. Die kriminaltechnische Untersuchung ergab jedoch, dass es sich nicht um die Mordwaffe handelte. Dennoch geben die Ermittler nicht auf: „Der Täter machte einen kapitalen Fehler – das Projektil in der Wohnung ist wie ein Fingerabdruck. Wir hoffen auf neue DNA-Treffer oder Zeugenhinweise.“ Für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens führen, ist eine Belohnung von 5000 Euro ausgesetzt. Die 5. Mordkommission des Landeskriminalamtes Berlin ist unter (030) 4664 911 555 erreichbar.



