Berlin – Wenn ein Bundespräsident umzieht, erwartet man Prunk und Tradition. Doch Frank-Walter Steinmeier wird ab Freitag in einem schlichten Bürogebäude residieren. Kronleuchter und Freitreppen sucht man im neuen Übergangsquartier vergebens. Stattdessen fährt der Bundespräsident Aufzug – eine Notlösung, die viele Fragen aufwirft: Ist das angemessen für das höchste Staatsamt? Ein exklusiver Vorab-Blick von Deike Diening gewährt Einblicke in die provisorische Residenz.
Warum ein Umzug nötig ist
Schloss Bellevue, der offizielle Amtssitz des Bundespräsidenten, wird derzeit umfassend saniert. Die Arbeiten erstrecken sich über mehrere Jahre, sodass ein Ausweichquartier unumgänglich wurde. Ursprünglich war der Umzug für Anfang 2026 geplant, doch Verzögerungen führten dazu, dass Steinmeier erst jetzt einzieht. Das neue Domizil befindet sich in einem modernen Bürokomplex im Berliner Regierungsviertel, der normalerweise von Ministerien genutzt wird.
Ein Blick in die neuen Räume
Die Bilder, die der SPIEGEL exklusiv veröffentlichen konnte, zeigen eine überraschend schlichte Einrichtung. Ein großer Saal in Blau mit einer geodätischen Akustikdecke dient als Empfangsraum für Staatsbankette. Statt Kristalllüstern hängen schlichte Deckenleuchten an der Decke. Die Möbel sind funktional, aber ohne historischen Pomp. „Wir haben uns bewusst für eine pragmatische Lösung entschieden“, erklärte ein Sprecher des Bundespräsidialamtes. „Der Fokus liegt auf der Funktionalität, nicht auf Repräsentation.“
Reaktionen auf die Schlichtheit
Während einige Politiker die Bescheidenheit loben, kritisieren andere das Fehlen angemessener Repräsentation. „Ein Bundespräsident empfängt Staatsoberhäupter aus aller Welt. Da darf es nicht wie in einer Versicherungszentrale aussehen“, sagte ein CDU-Abgeordneter, der namentlich nicht genannt werden wollte. Ein Sprecher des Bundespräsidenten betonte hingegen: „Herr Steinmeier ist mit der Lösung zufrieden. Die Räume sind zweckmäßig und bieten genug Platz für offizielle Termine.“
Technische Details und Besonderheiten
Das Gebäude verfügt über moderne Sicherheitsvorkehrungen, darunter eine verstärkte Panzerglasfassade und ein abgeschirmtes Kommunikationssystem. Die geodätische Akustikdecke im Bankettsaal sorgt für eine optimale Klangregulierung – ein Detail, das bei Staatsempfängen wichtig ist. Allerdings fehlen historische Kunstwerke oder antike Möbel, die sonst das Image des Amtes prägen. Stattdessen hängen zeitgenössische Grafiken an den Wänden.
Kosten und Zeitplan
Der Umbau des Bürogebäudes kostete rund 12 Millionen Euro, deutlich weniger als eine aufwendige Sanierung eines historischen Gebäudes. Die Miete für das Provisorium beträgt monatlich 180.000 Euro. Die Sanierung von Schloss Bellevue soll voraussichtlich 2029 abgeschlossen sein. Bis dahin wird der Bundespräsident im Bürokomplex arbeiten und wohnen – inklusive Aufzugfahrten statt Kronleuchter.



