Knapp 800 Strafanzeigen liegen bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth gegen Verantwortliche des Nürnberger Tiergartens vor, nachdem dieser am 29. Juli 2025 zwölf gesunde Paviane töten ließ. Die Ermittlungen dauern an, wie Sprecherin Heike Klotzbücher mitteilt. Der Fall polarisiert auch ein Jahr später noch.
Hintergrund der Tötung
Der Tiergarten begründete die Tötung mit Überfüllung des Geheges, das für 25 Affen plus Jungtiere ausgelegt ist. Im Juli 2025 zählte die Gruppe 43 Tiere. Eine Abgabe an andere Zoos war zuletzt nicht mehr möglich, auch Verhütung hatte nicht den gewünschten Erfolg. Direktor Dag Encke erklärte damals, man habe keine andere Möglichkeit gesehen, und kündigte an, dass auch künftig einzelne Tiere aus Platzgründen getötet werden müssten.
Tierschutzorganisationen wie Pro Wildlife sehen darin einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, wonach kein Tier ohne vernünftigen Grund getötet werden darf. „Da geht es um die ethische Frage unseres Tierschutzes – wird er ausgehebelt oder nicht?“, betont Expertin Laura Zodrow. Der Tiergarten hofft auf eine grundsätzliche Klärung.
Aktuelle Situation im Tiergarten
Derzeit leben 31 Paviane in der Anlage – wieder mehr als die Kapazität. Tötungen sind aber kein Thema: „Aktuell besteht kein dringender Handlungsbedarf, weil die Sozialstruktur innerhalb der Gruppe intakt ist“, heißt es vom Tiergarten. Man versuche weiterhin, Guinea-Paviane an geeignete Einrichtungen zu vermitteln. Seit der Tötung sind neun Pavian-Babys geboren, sieben davon starben aus unterschiedlichen Gründen.
Pro Wildlife kritisiert, dass der Zoo trotz der Überpopulation weiter züchtet. Der Verein hat die Bestandsdaten der vergangenen 35 Jahre ausgewertet: Demnach wurden 187 Paviane in Nürnberg geboren, kein Tier kam von außen hinzu. „Die jahrzehntelange Inzucht widerlegt die Behauptung, der Tiergarten züchte Guinea-Paviane als genetische Reserve für den Artenschutz“, sagt Zodrow.
Genetische Situation und Zukunft
Der Tiergarten bestätigt, dass alle Nürnberger Paviane aus dem Genpool der in den 1940er Jahren wild gefangenen Tiere stammen. In der Vergangenheit seien zwar verwandte Paviane dazugekommen, eine Zucht sei aber nicht gelungen. „In der aktuellen Gruppe gibt es keine Hinweise auf Erbkrankheiten oder Inzuchtprobleme“, erklärt die Einrichtung. Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) erarbeite derzeit ein Konzept für den genetischen Austausch von Guinea-Pavianen in Europa, an das sich der Tiergarten halten werde.
Ob es zu einem Prozess kommt, ist noch offen. Die Staatsanwaltschaft prüft die knapp 800 Anzeigen. Der Fall hat laut Pro Wildlife weitreichende Bedeutung über den Einzelfall hinaus.



