Roswitha Matwin-Buschmann, die bedeutende Übersetzerin polnischer Literatur, ist tot. Sie starb im Alter von 85 Jahren in Berlin. Ihr Leben war geprägt von der Liebe zur polnischen Sprache und Kultur, von zwei großen Lieben und den Brüchen der deutsch-polnischen Geschichte.
Von Trier nach Zittau: Eine schwierige Kindheit
Geboren wurde Roswitha 1939 in Trier. Ihr Vater, ein Violinist, verlor seine Engagements durch den Tonfilm und wurde Militärmusiker. Die Familie zog nach Zittau, wo der Vater nach der Kriegsgefangenschaft 1949 zurückkehrte, aber die Kinder schlug, bis die Mutter ihn hinauswarf. Roswithas Mutter zog die Kinder allein groß, arbeitete in der Buchhaltung und legte Wert auf Bildung. Ein Onkel, Rezitator, inspirierte Roswitha: Sie träumte davon, ebenfalls auf der Bühne zu glänzen.
Studium und erste Begegnung mit Polen
In Zittau lernte sie neben Russisch auch Polnisch. Nach dem Abitur studierte sie Sprachen in Leipzig. Die DDR verpflichtete Absolventen zu drei Jahren Arbeit auf einem zugewiesenen Posten. Roswitha wurde nach Wrocław (Breslau) ans Konsulat geschickt, wo sie Formulare und Anweisungen übersetzte. Dort traf sie 1961 den polnischen Funktionär Władysław Matwin, genannt Władek. Er war 45, sie 22. Er beeindruckte sie durch seine offene, bescheidene Art – er fuhr lieber Straßenbahn als Dienstwagen.
Die Liebe zu Władek und die Rückkehr nach Ost-Berlin
Władek war verheiratet, seine Frau war Überlebende des Holocaust und Richterin, Ziel antisemitischer Säuberungen. Er fühlte sich ihr verpflichtet. Als Roswitha schwanger wurde, organisierte er einen Schwangerschaftsabbruch. Nach Ende ihrer Pflichtjahre verließ sie Polen und den Geliebten. In Ost-Berlin wurde sie Lektorin und Übersetzerin polnischer Literatur im Aufbau-Verlag. Ihr erstes übersetztes Buch war Stanisław Lems „Der Unbesiegbare“. Sie übersetzte auch Maria Kuncewiczowas „Die Fremde“.
Ehe mit Jörg Buschmann und Tochter Nora
Im Verlag lernte sie Jörg Buschmann kennen, einen Lektor ungarischer Literatur. Sie heirateten, und 1969 wurde Tochter Nora geboren. Die Ehe war schwierig; beide suchten Liebe, die sie in der Kindheit nicht erfahren hatten. Roswitha, eine Perfektionistin, kritisierte Jörg scharf: „Wenn ich muss, musst du doch auch!“ Die Ehe zerbrach, als Nora zwölf war.
Wiedervereinigung mit Władek und die Wende
1982 schrieb Władek, dass seine Frau gestorben sei. 1983 ließ sich Roswitha scheiden, 1984 heiratete sie Władek. Sie zog zu ihm nach Warschau. Er war inzwischen Direktor des Instituts für Computertechnik. Die Wende 1990 traf sie hart: Aus der gefragten Spezialistin wurde eine überqualifizierte Ortskraft im Goethe-Institut Warschau. Sie half Westdeutschen, die sich wenig für Polen interessierten. „Nie hätte sie sich als stolze Bürgerin der DDR bezeichnet, jetzt aber wurde sie zur Ostdeutschen – in Polen“, schreibt David Ensikat im Tagesspiegel.
Letzte Jahre in Berlin
Nach Władeks Tod 2012 zog Roswitha mit seiner Asche nach Berlin. Sie plante einen Salon, doch ihr Geist verließ sie zunehmend. Sie unterhielt sich mit Bildern von Männern, die sie verehrte: Chopin, Varoufakis, Gysi. Sie starb in Berlin und wurde unter einer Birke in Pankow beigesetzt. Ein Gingkoblatt ziert ihren Grabstein, unter dem nun auch Władek wieder bei ihr ruht.



