Lina war 18, als ihr Freund mit ihr intim werden wollte – ohne sie vorher zu fragen. Sie ließ es geschehen, doch erst Jahre später verstand sie: Nicht ihr Schweigen war entscheidend, sondern seine fehlende Frage. Die heute 24-Jährige, die aus China stammt und in Europa lebt, berichtet im Gespräch mit unserer Redaktion von jenem Abend und den Folgen.
Ein Abend, der alles veränderte
Lina sucht nach Worten für etwas, das sie damals nicht einordnen konnte. Was geschah, war für sie nicht eindeutig Gewalt – aber auch nicht nichts. Nach ihrem ersten Mal verließ sie das Zimmer ihres Partners und spürte, dass etwas nicht richtig war. Hinter ihr blieb das fahle Licht eines Bildschirms; der junge Mann saß bereits wieder vor seinem Computerspiel. Lina ging in ihr eigenes Zimmer – irritiert und ohne Worte.
Die trügerische Sicherheit der ersten Beziehung
Die erste Beziehung im Ausland gab Lina ein Gefühl von Nähe und Sicherheit, das sich später als trügerisch erwies. Die Einsamkeit in der fremden Umgebung und der Wunsch nach Zugehörigkeit machten sie anfällig für Grenzüberschreitungen. „Ich fühlte mich leer, aber verstand nicht, warum“, erinnert sie sich.
Jahre der Erkenntnis
Erst im Rückblick erkannte Lina, dass hier eine Grenze überschritten wurde. Die fehlende Zustimmung – das Fehlen einer expliziten Frage – machte die Handlung zu einer Form von sexualisierter Gewalt. Laut einer Studie der Europäischen Grundrechteagentur haben 33 Prozent der Frauen in der EU bereits körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Partner erlebt. Linas Geschichte zeigt, wie subtil solche Übergriffe sein können.
Die Folgen: Leere und Sprachlosigkeit
Die Jahre danach waren geprägt von einem diffusen Unbehagen. Lina hatte keine Worte für das Erlebte, fühlte sich aber leer und verunsichert. „Ich dachte lange, es sei meine Schuld, weil ich nicht nein gesagt habe“, sagt sie. Heute weiß sie: Die Verantwortung liegt bei dem, der die Grenze überschreitet, nicht bei dem Opfer.
Gesellschaftlicher Umgang mit sexualisierter Gewalt
Experten betonen, dass fehlende Zustimmung ein zentrales Kriterium für sexuelle Gewalt ist. „Nicht das Schweigen des Opfers ist entscheidend, sondern die fehlende Frage des Täters“, erklärt eine Psychologin der Berliner Beratungsstelle. Linas Fall zeigt, wie wichtig es ist, über diese Form von Gewalt zu sprechen und Betroffenen zu helfen, das Erlebte einzuordnen.



