Vor 20 Jahren fand in Deutschland das sogenannte Sommermärchen statt – die Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Der Soziologe und Buchautor Tim Frohwein beschreibt im Interview, wie das Turnier die deutsche Gesellschaft nachhaltig prägte. „Man war darauf nicht vorbereitet“, sagt Frohwein mit Blick auf die plötzliche Euphorie. Bereits der Confed Cup 2005 habe einen Vorgeschmack gegeben, doch danach habe es erhebliche Zweifel an Trainer Jürgen Klinsmann gegeben.
Krisen vor dem Turnier
Im März 2006 verlor die deutsche Nationalmannschaft 1:4 in Italien. Franz Beckenbauer übte scharfe Kritik an Klinsmann, nachdem dieser zu einem Workshop für WM-Trainer nicht erschienen war. „Hätte Klinsmann das nächste Testspiel gegen die USA verloren, wäre er geschasst worden. Aber er gewann es mit 4:1“, so Frohwein. Auch die Stiftung Warentest erklärte einige Stadien für nicht tauglich, und rassistische Gewalt überschattete die Vorbereitung. Das 1:0 in der Vorrunde gegen Polen wirkte daher wie eine Befreiung: „Das Spiel war zwar nicht souverän, aber voller Energie und guter Momente. Der Funke sprang aufs Publikum über.“
Public Viewing als gesellschaftlicher Motor
Ein entscheidender Faktor für die kollektive Erinnerung an die WM 2006 war das Public Viewing. „Das gab es zwar schon 2002 bei der WM in Japan und Südkorea, aber 2006 erreichte es eine neue Dimension“, erklärt Frohwein. „Erstmals strömten riesige Menschenmengen auf die Fanmeilen, darunter auffallend viele Frauen. Das Event zog die gesamte Gesellschaft an.“ Der Fußball wurde zur Integrationsmaschine: Die deutsche Auswahl hatte so viele migrantische Spieler im WM-Kader wie nie zuvor – Podolski, Klose, Odonkor, Asamoah. Auf den Fanmeilen wehten deutsch-türkische Fahnen, viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte fühlten sich angesprochen.
Politischer Rahmen: Nation Building unter Merkel
Die WM fiel in die erste Regierungszeit von Kanzlerin Angela Merkel, die Integration zur Chefsache machte. „Sie holte erstmals eine Integrationsministerin ins Kanzleramt und setzte damit ein Signal. Kurz nach der WM organisierte sie den ersten Integrationsgipfel, an dem auch der DFB teilnahm. Das war ein Bruch mit früherer CDU-Politik“, betont Frohwein. Der WM-Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ war Teil einer großen Kampagne. „2006 betrieb Deutschland bewusst eine Art Nation Building. Andere Slogans hießen ‚Du bist Deutschland‘ und ‚Land der Ideen‘: Sie sollten ein weltoffenes, modernes Land zeigen.“
Debatte um Fahnen und Nationalismus
Die plötzliche Verbreitung von Deutschlandfahnen löste Diskussionen aus. Linke Medien wie die taz warnten vor einem neuen Nationalismus, liberalere wie die Süddeutsche deuteten die Fahnen als Teil der WM-Euphorie. Merkel und Bundespräsident Köhler blieben gelassen: „Es gehe um Freude und Identifikation mit der Mannschaft, nicht um Nationalismus. Der Begriff ‚Party-Patriotismus‘ setzte sich durch“, so Frohwein.
Wandel des Deutschlandbildes im Ausland
Das Ausland reagierte zunächst skeptisch. „Das Deutschlandbild war stark von den Weltkriegssymboliken geprägt, besonders die britische Presse spielte mit Stereotypen“, erinnert Frohwein. „Nach dem Turnier war im Ausland plötzlich von einem ‚neuen Deutschland‘ die Rede. Wir galten als offen, vielfältig, durchaus locker. Für mich zeigt das: Deutschland kam mit Verzögerung im 21. Jahrhundert an.“ Bei der EM 2024 spielten nationale Klischees kaum noch eine Rolle.
Kein Nährboden für Rechtspopulismus
Trotz des heutigen Aufwindes nationalistischer Parteien sieht Frohwein keinen direkten Zusammenhang mit dem Sommermärchen. „Es gibt die These, dass das Fahnenschwenken von 2006 den Aufstieg der Rechten begünstigt hat. Mich überzeugt das nicht. Obwohl rechte Parteien mittlerweile stark sind, sah man bei den vergangenen Turnieren viel weniger Fahnen als beim Sommermärchen. Heute ist das Land gespaltener und die Symbolik komplexer. Das Sommermärchen war ein Moment gemeinsamer Freude, nicht der Beginn politischer Radikalisierung.“
Film und mediale Nachwirkungen
Kurz nach der WM kam Sönke Wortmanns Dokumentation „Sommermärchen“ in die Kinos und war ein großer Erfolg. „Solche Dokus sind heute normal, aber damals war das völlig neu: Ein professioneller Filmemacher begleitet die Nationalelf und macht daraus ein emotionales Kinoereignis“, sagt Frohwein. Durch den Film konnten die Zuschauer die Gefühle des Sommermärchens noch einmal erleben.
Der Schatten der Korruptionsermittlungen
Die Ermittlungen um die mutmaßlich gekaufte WM 2006 trübten die Erinnerung. „Es geht um 6,7 Millionen Euro, die offiziell als Zuschuss für eine große Eröffnungsgala gedacht waren, aber die Gala wurde abgesagt. Was mit dem Geld geschah, ist unklar“, erklärt Frohwein. Für das Image des „Kaisers“ Franz Beckenbauer waren die Ermittlungen desaströs. „Erst nach seinem Tod stieg sein Ansehen wieder: Franz Beckenbauer wurde erneut zu jenem Menschen, der andere berührte. Trotz seiner Fehler bleibt seine Gesamtleistung beeindruckend.“
Fußballerische und politische Modernisierung
Fußballerisch war 2006 ein Bruch. Klinsmann führte Psychologen, Fitnesstrainer, datenbasierte Trainingsmethoden und computergestützte Gegneranalysen ein. „Vieles wurde zunächst bekrittelt, aber der Erfolg und die neue Spielweise machten diese Ansätze salonfähig und legten die Grundlage für Joachim Löws WM-Titel 2014“, so Frohwein. Politisch nutzte Merkel die WM für ihre Reformagenda: Elterngeld, Föderalismusreform, Antidiskriminierungsgesetz – all das wurde während des Turniers beschlossen oder im Bundestag verabschiedet. „Sie stellte sich demonstrativ hinter Klinsmann, auch um sich selbst als Modernisiererin zu inszenieren.“
Ein offener Aufbruch
Dass Deutschland nur WM-Dritter wurde, sei vielleicht gut gewesen, meint Frohwein: „Ein WM-Titel wäre 2006 nicht verdient gewesen. Die Mannschaft lebte von Teamgeist, nicht von spielerischer Überlegenheit. So blieb die Erzählung des Aufbruchs offen und passte erstaunlich gut zu Merkels Reformrhetorik: weiterarbeiten, Deutschland neu erfinden.“



