Fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal sind die seelischen Wunden bei vielen Betroffenen noch lange nicht verheilt. Die Trauma-Expertin Sybille Jatzko, die seit Jahrzehnten Überlebende und Hinterbliebene des Flugtagunglücks von Ramstein 1988 und anderer Katastrophen begleitet, betont: „Heilung lässt sich nicht verordnen.“ In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erklärte die Psychologin, dass die Verarbeitung eines solchen Erlebnisses keinem festen Zeitplan folge.
Kein festgelegter Zeitplan für die Verarbeitung
„Viele denken, nach einigen Jahren müssen die beeinträchtigenden Folgen abgeschlossen sein. Man lernt zwar, mit dem Erlebten zu leben. Verschwinden wird es aber nie“, sagte Jatzko. Aus der Katastrophe von Ramstein habe man gelernt, dass Menschen sehr unterschiedlich mit schweren Schicksalsschlägen umgehen. Manche suchten früh das Gespräch, andere bräuchten Jahre oder sogar Jahrzehnte. „Nach Ramstein kamen manche Betroffene erst zehn Jahre später in unsere Gruppen“, berichtete sie. Von außen werde oft gefragt, warum jemand so lange warte. „Die Antwort ist einfach: Weil die Menschen erst dann bereit waren.“
Integration statt Vergessen
Für die Expertin ist das eine wichtige Lehre auch für die Katastrophe im Ahrtal im Juli 2021. „Es gibt keinen festen Zeitplan für die Verarbeitung solcher Erlebnisse. Jeder Mensch hat seine eigene Zeit.“ Besonders wichtig sei, Betroffene nicht unter Druck zu setzen. „Menschen wissen selbst meist am besten, wann sie reden können, wie viel sie erzählen möchten und was ihnen guttut. Man muss ihnen diese Entscheidung lassen.“
Nach ihrer Erfahrung sei Zuhören oft wichtiger als gut gemeinter Rat. „Wir müssen vorsichtig sein mit Bewertungen und Erwartungen. Niemandem hilft es, wenn andere sagen: Jetzt muss es doch langsam wieder gut sein.“ Viele Menschen würden Jahre nach einer Katastrophe wieder von Erinnerungen eingeholt. Jahrestage, Bilder in den Medien oder ähnliche Ereignisse könnten Gefühle zurückbringen. „Das bedeutet nicht, dass etwas schiefgelaufen ist“, betonte Jatzko. „Es zeigt bloß, dass dieses Erlebnis weiter Teil des Lebens ist.“
Neue Normalität, alte Narben
Die Expertin spricht deshalb lieber von Integration als von Verarbeitung. „Das Ziel ist nicht, etwas zu vergessen. Das Ziel ist, mit dem Erlebten leben zu können, ohne dass es den Alltag ständig bestimmt.“ Gelungen sei dies, wenn Menschen über ihre Geschichte sprechen könnten, ohne dass sie von Angst, Schlaflosigkeit oder Panik überwältigt würden. „Vielleicht bekommt man noch Gänsehaut oder wird traurig. Aber man hat eine gewisse Distanz gewonnen.“
Gemeinschaft als Stütze
Eine weitere Lehre aus Ramstein sei die Bedeutung von Gemeinschaft. Viele Betroffene hätten über die Jahre enge Verbindungen aufgebaut. „Aus Nachsorgegruppen werden oft Schicksalsgemeinschaften“, sagte Jatzko. „Die Menschen verstehen einander, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben.“ Das gelte auch Jahrzehnte später. „Manche treffen sich noch heute. Nicht weil sie krank sind, sondern weil sie sich gegenseitig Halt geben.“ Für Betroffene im Ahrtal könnten solche Netzwerke ebenfalls wichtig sein. „Wer Ähnliches erlebt hat, versteht oft Emotionen, die andere nur schwer nachvollziehen können.“
Warum Druck Betroffenen schaden kann
Jatzko warnte vor der Vorstellung, dass alle Menschen gleich reagieren müssten. Einige suchten Nähe und Austausch, andere zögen sich zeitweise zurück. „Beides kann richtig sein. Wir sollten akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche Wege finden, mit ihrem Schicksal umzugehen.“ Ihr wichtigster Rat laute: Geduld. „Heilung lässt sich nicht verordnen.“ Die Erfahrungen aus Ramstein hätten gezeigt, dass Unterstützung langfristig verfügbar sein müsse. „Katastrophen enden nicht, wenn die Kameras verschwinden“, sagte Jatzko. „Für viele Betroffene beginnt dann erst der lange Weg zurück in den Alltag.“



