Der Auftakt in die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 verlief für Uruguay enttäuschend: Gegen Saudi-Arabien reichte es nur zu einem 1:1. Für ein Land, das sich als Fußballgroßmacht versteht, war das zu wenig. Uruguay hat nur 3,4 Millionen Einwohner, aber eine reiche Fußballgeschichte. Trotz Weltstars wie Luis Suárez oder Edinson Cavani blieben in jüngerer Zeit große Erfolge bei Weltmeisterschaften aus.
Fußball als Identitätsstifter
Fußball nimmt in Uruguay eine zentrale Rolle ein. „Er verbindet das Land über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg“, sagt Christoph Wagner, Uruguay-Experte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. „Fußball ist in Uruguay von Kindesbeinen an allgegenwärtig – auf der Straße, am Strand, in der Provinz.“
WM 2030: Jahrhundertspiel in Montevideo
Im Jahr 2030 wird Uruguay ein WM-Spiel ausrichten – genau 100 Jahre nach dem Gewinn der ersten Weltmeisterschaft 1930 im eigenen Land. Das Eröffnungsspiel findet im modernisierten Estadio Centenario in Montevideo statt. „Es herrscht natürlich Vorfreude“, so Wagner, „auch wenn das Land weit davon entfernt ist, ein ganzes Turnier auszurichten. Das Jubiläum wird als Moment des nationalen Stolzes wahrgenommen.“
Historische Glanzlichter
1930 setzten uruguayische Fußballer Maßstäbe im Kombinationsfußball, José Leandro Andrade galt als erster Superstar. Wirtschaftlich ging es Uruguay damals gut, das Land übernahm sogar die Reisekosten europäischer Teams. Der größte Moment war der „Maracanazo“ 1950, als Uruguay im legendären Maracanã-Stadion Brasilien besiegte. „Wir sind noch wer“, beschreibt Wagner das Gefühl dieses Triumphes.
Rivalität mit Argentinien
Die Rivalität mit Argentinien ist groß. „Obwohl beide Länder kulturell eng miteinander verbunden sind, gibt es unter Uruguayern eine traditionelle Skepsis gegenüber Argentiniern, insbesondere gegenüber den Porteños aus Buenos Aires“, sagt Wagner. Sie würden mitunter als anstrengend oder überheblich wahrgenommen. Als Argentinien 2022 Weltmeister wurde, empfanden viele Uruguayer Freude, aber auch etwas Neid.
Demokratie und Lebensqualität
Politisch schneidet Uruguay in Rankings deutlich besser ab als andere südamerikanische Staaten. Laut dem „Atlas der Zivilgesellschaft“ von Brot für die Welt leben nur 3,4 Prozent der Menschen weltweit in Staaten mit voller Meinungs- und Versammlungsfreiheit – Uruguay ist das einzige lateinamerikanische Land in dieser Gruppe. Im „Varieties of Democracy Report 2026“ rangiert Uruguay auf Platz 13, vor Neuseeland und Deutschland. Im Korruptionsindex von Transparency International liegt Uruguay auf Platz 17, hinter Kanada, aber vor Österreich, Frankreich und Großbritannien.
„Ein Präsident wie Javier Milei, den wir jetzt in Argentinien haben, wäre zurzeit in Uruguay nach meiner Einschätzung undenkbar“, sagt Wagner. Die Gesellschaft gilt als konsensorientiert. In der Coronapandemie setzte Uruguay auf Eigenverantwortung statt Ausgangssperren – mit Erfolg.
Fußball als Aufstiegschance
Viele junge Männer sehen im Fußball die beste Möglichkeit für sozialen Aufstieg. Wer wie Suárez oder Cavani groß herauskommen will, geht nach Montevideo zu den großen Vereinen Nacional und Peñarol. „Auch wenn es dabei längst nicht so gefährlich wie in Argentinien zugeht“, sagt Wagner. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt im Ballungsraum Montevideo. Die überschaubare Größe Uruguays kann ein Vorteil sein: Talente haben gute Chancen, bei Scoutings entdeckt zu werden. Federico Valverde, Ronald Araújo und Manuel Ugarte haben es zu europäischen Topklubs geschafft.
Aktuell fehlt der Nationalmannschaft noch viel, um mit den besten Ländern mitzuhalten. Aber bis zur WM 2030 bleibt Zeit, um beim Jahrhundertspiel eine gute Rolle zu spielen.



