Während manche Menschen Abwechslung und neue Erfahrungen lieben, fühlen sich andere durch Veränderungen schnell gestresst und verunsichert. Nicht nur große Einschnitte wie ein Jobwechsel oder ein Umzug, sondern bereits kleine Abweichungen im Alltag – etwa ein verschobener Termin – können für Betroffene zur Herausforderung werden. Sie verspüren dann eine starke innere Anspannung, sind gereizt, schlafen schlechter und können sich kaum konzentrieren. Selbst normale Alltagsaufgaben wie Einkaufen oder Kochen werden in solchen Momenten zu großen Hürden.
Ursachen für die Überforderung
Es gibt verschiedene Gründe, warum Veränderungen für manche Menschen eine größere Belastung darstellen. „Das ist keineswegs ein Zeichen von Schwäche“, betont der Psychiater Steffen Häfner, ärztlicher Direktor der Klinik am schönen Moos in Bad Saulgau. Wer in der Vergangenheit häufig Unsicherheiten, Instabilität oder Kontrollverlust erlebt hat, reagiert empfindlicher auf Neues. Auch ein geringes Selbstvertrauen, fehlende soziale Unterstützung oder erzwungene Veränderungen spielen eine Rolle.
Zudem können Vorerkrankungen die Anfälligkeit erhöhen: „Besonders häufig beobachten wir diese Überforderung bei Menschen mit Angst- oder Zwangsstörungen, Depressionen oder traumatischen Erfahrungen“, erklärt Häfner. „Auch Personen mit Hochsensibilität, ADHS oder einer Autismus-Spektrum-Störung leiden oft stärker unter Abweichungen vom Gewohnten.“
Teufelskreis aus Rückzug und Vermeidung
Betroffene reagieren häufig mit sozialem Rückzug, um ihre Abläufe kontrollierbar zu halten und Ungewohntes zu vermeiden. Das verschafft kurzfristig Entlastung und Sicherheit, kann langfristig jedoch dazu führen, dass sie sich stark einschränken und wertvolle Chancen im Leben verpassen. „Häufig entsteht ein Kreislauf: Die Symptome führen zu vermehrtem Rückzug, wodurch weniger positive Erfahrungen mit Veränderungen gemacht werden, was den Wunsch nach Vermeidung weiter verstärkt“, so Häfner.
Wege aus der Spirale
Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, sind kleine Erfolgserlebnisse entscheidend. Betroffene sollten sich Veränderungen schrittweise annähern, um zu erleben, dass sie die Situation bewältigen können. Leichter fällt dies, wenn in anderen Lebensbereichen feste Routinen beibehalten werden, die Stabilität vermitteln – etwa bei Schlafenszeiten, Mahlzeiten oder regelmäßiger Bewegung. „Kontraproduktiv wird es hingegen, wenn Routinen dazu dienen, Neues komplett zu umgehen“, warnt der Arzt.
Wer den Umgang mit Neuem übt, sollte realistische Ansprüche an sich selbst stellen und ausreichend Zeit für Erholung einplanen. Auch soziale Unterstützung ist hilfreich, etwa wenn eine vertraute Person in ungewohnten Situationen begleitet. Ängste und Überforderung sollten frühzeitig angesprochen werden. Entspannungstechniken können helfen, sich bei Veränderungen sicherer zu fühlen. Bei hohem Leidensdruck kann eine psychotherapeutische Begleitung sinnvoll sein.



