Winzerseelsorge in Rheinhessen: Kirche hilft Winzern in wirtschaftlicher Not
Winzerseelsorge: Kirche hilft Winzern in Not

Die wirtschaftliche Lage vieler Winzer im größten deutschen Weinanbaugebiet Rheinhessen ist angespannt. Sinkende Erlöse, steigende Kosten, weniger Weintrinker, Klimawandel und US-Zölle setzen die Betriebe unter Druck. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat nun ein neues Angebot gestartet: Winzerseelsorge. Zwei pensionierte Pfarrer, Tobias Kraft und Manuela Rimbach-Sator, stehen den Winzern als vertrauliche Ansprechpartner zur Seite.

Hintergrund der Winzerseelsorge

Der 65-jährige Pfarrer Tobias Kraft war 34 Jahre Gemeindepfarrer im Kreis Alzey-Worms und ist Mitglied einer Weinbruderschaft. Er kennt die Region und die Weinbranche gut. Gemeinsam mit seiner ebenfalls pensionierten Kollegin Manuela Rimbach-Sator aus Oppenheim hat er die Winzerseelsorge übernommen. In Rheinhessen leben rund 650.000 Menschen, es gibt etwa 1.900 Weinbaubetriebe. Die EU unterstützt inzwischen sogar die Krisendestillation von Rosé- und Rotweinen zu Industriealkohol, um den Markt zu entlasten.

Druck auf kleine Betriebe

„Es trifft vor allem die Kleinen, die Fasswein- oder Traubenvermarkter“, sagt Pfarrer Kraft. Er berichtet von einem Qualitätswein aus Rheinhessen, den ein Discounter für einen Euro pro Flasche angeboten habe. Die Vermarktung von Fasswein an Kellereien hat in Rheinhessen große Bedeutung, doch die Preise stehen unter Druck. Friedrich Ellerbrock vom Marketingnetzwerk Rheinhessenwein erklärt: „Eine für das Einkommen der Winzerfamilien … mehr als ungünstige Kombination.“ Auch das Weinbauministerium in Mainz sieht einen wachsenden Bedarf an niedrigschwelligen, vertraulichen Gesprächs- und Unterstützungsangeboten.

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Erste Kontakte und Angebote

Einige Winzer haben sich bereits an die Seelsorger gewandt. Der erste Kontakt erfolgt telefonisch oder per E-Mail. Die Seelsorger treffen sich mit den Winzern entweder in deren Betrieben oder im Dekanatsbüro in Alzey. Die Konfession spielt keine Rolle. „Wir sind zunächst für Menschen da“, betont Kraft. Die Initiative entstand nach dem Suizid eines Weinbauern. Pröpstin Henriette Crüwell für Rheinhessen und das Nassauer Land brachte das Anliegen an Kraft und seine Kollegin heran.

Mehr als nur Weinabsatz

Für Kraft geht es um mehr als wirtschaftliche Probleme: „Es geht auch um die Kulturlandschaft Rheinhessens und damit eine gewisse rheinhessische Identität.“ Dazu gehöre seit vielen Jahrhunderten „das Kulturgut Wein“. Ohne Weinberge verändere sich das Landschaftsbild und die Identität der Region. Einbußen beim Weinverkauf gefährdeten oft auch die Altersvorsorge. Hinzu kommen familiäre Probleme wie Scheidungen oder Generationenkonflikte, wenn junge Menschen den Betrieb nicht weiterführen wollen.

Was die Seelsorge bietet

Die Seelsorger versuchen, den Winzern eine andere Perspektive zu vermitteln, die über das Betriebliche hinausgeht. Sie hören zu, nehmen die Sorgen ernst und entwickeln Perspektiven für das Seelenwohl. Ergänzend kann die ökonomische Beratung von Fachleuten der landwirtschaftlichen Beratungsstelle der EKHN und der protestantischen Landeskirche der Pfalz hinzugezogen werden. Das Projekt umfasst auch den Aufbau eines regionalen Netzwerks und die Information über bestehende Hilfsangebote. Das Angebot ist zunächst auf ein Jahr befristet. „Wir hoffen auch, dass sich die Krise wieder ein Stück auflöst“, sagt Kraft.

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